Was geht, kleiner Mann? – Mach‘ locker! (Nabelbohrungen en gros)

K. leidet, unter anderem, unter dem, milde formuliert, Widerspruch zwischen der Fülle seiner Beobachtungen, Wahrnehmungen, Einsichten und Erkenntnisse usw. und seiner, milde formuliert, Unfähigkeit, diese Beobachtungen, Wahrnehmungen, Einsichten und Erkenntnisse in angemessener Weise zu artikulieren. Man beachte unbedingt die Hervorhebung durch Fettdruck!

Dieser Widerspruch wirkte unter anderem dergestalt, dass man K. etwa für einen Sonderschulabsolventen gehalten oder ihm rückgemeldet hat: „Dis hat der Penner nie im Leben geschrieben!“ usw. Daraufhin hat der Penner erwogen, ein wenig ins Kissen zu schluchzen, aber ihm ist noch rechtzeitig eingefallen, dass er gar kein Kissen besitzt, was zugegebenermaßen bei einen Penner seltsam erscheinen könnte.

Dieser Widerspruch könnte zudem deshalb verblüffen, weil K. seit vielen Jahren gern und viel textet, mündlich und schriftlich. ‚Labert die Leute voll!‘, kommt des Öfteren per Mental-Funk, wobei das Merkwürdige auch an dieser Hallu darin gesehen werden könnte, dass sie inhaltlich zutreffend ist. Aber das nur am Rande, denn das ist wieder ein anderes Thema. K. versucht zumindest („Hört! Hört!“)*, beim Thema zu bleiben.

Auf diese persönlichkeitsspezifisch-tragikomische Dialektik hat K. mehrfach verwiesen, was er immerhin noch wahrnimmt. Es ist, als hätte er mit der Schreiberei angefangen, weil er zumindest geahnt hat, dass ihm, wenn es um die Wurst gehen würde, die Worte fehlen müssten, ach.

Zu diesem, milde formuliert, Widerspruch zwischen seiner Innenwelt und dem daraus für Andere erlebbar Werdendem hat K. im Laufe seiner Hospitanz auf dem drittem Planeten des Systems drei Gedanken entwickelt.

K. muss erstens auf Lektüre verweisen, die er als geradezu erhellend erlebt hat. Zunächst scheint das Phänomen, um dessen Erörterung es K. geht, etwas mit dem Konstrukt des Epoché-Menschen nach Sloterdijk zu tun zu haben. Es handelt sich um einen Beobachter, der sich, aus Gründen, aus allem Aktivismus zurück gezogen hat auf eine Ebene reiner Anschauung. – Dies eine vereinfachte und sinngemäße Interpretation Sloterdijks.

Zweitens gehört in diesen Kontext das letztens erst von K. in seinem Blog zumindest angedeutete Problem einer, milde formuliert, gewissen Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis selbst oder gerade bei großen Geistern. Miller, Hesse und Strittmatter, als Beispiele, waren große Theoretiker in dem Sinne, dass sie als Belletristen oder Sachautoren Forschungen betrieben haben über das Kindlich-Schöpferische und dessen Zerstörung in vielen Menschen. Als gewissermaßen Praktiker aber haben sie die eigenen Kinder ins Heim gesteckt oder gar fertig gemacht. Mit anderen Worten dürfte dieses Phänomen einer gewissen Spaltung weit über die Person des K. hinaus von Belang sein.

Schließlich drittens scheint hier der seelische Mechanismus zu wirken, den K. von Conny Palmen verbalisiert fand in einer Art, die bei K. eingeschlagen hat, weil er längst aufgegeben hatte, unbewusst und damit umso wirksamer, daran zu glauben, dass es möglich wäre, dergleichen überhaupt in Worte zu fassen. – Die Frau ist promovierte Philosophin, die quasselt nicht kariert wie K.

„Für mein Gefühl wird Schauspielern, Autoren, Performern, ja, allen, die zu erkennen geben, dass sie sich auf die eine oder andere Weise offenbaren möchten, etwas zu viel Eitelkeit unterstellt. Meiner Meinung nach ist der Ursprung dieses Bestrebens – und Talents – nahezu das Gegenteil von Eitelkeit: es ist das zu Recht oder zu Unrecht empfundene Unvermögen, sich in Alltäglichem zu offenbaren.“
 
Connie Palmen, „I. M.“, Diogenes 2001, Seite 39. (Hervorhebung durch Fettdruck durch den unverschämt arroganten K.)

So weit, ha, auch von und für K. die Theorie. – Wie aber sieht es bei und mit ihm in der Praxis aus?

Eben… Was da rüber kommt, ist Türen knallen, „Blöde Fotze!“ sowie, wieder einmal, die Kündigung des Arbeitsverhältnisses meist im gegenseitigem Einverständnis, weil man „mit Ihrer Arbeit eigentlich zufrieden“ gewesen wäre. Allein diesen Ablauf hat K. ein halbes Dutzend Male erlebt in seinem wirrem Wandel hienieden. Nach außen hin aber ist er der Typ, der die Leute voll pöbelt, was allerdings verständlich ist.

(… ein Beispiel; räumlich und zeitlich schön weit weg, so dass sich niemand auf den Schlips getreten fühlen dürfte… 1990 fährt K.’s Chef in einer Schiffsküche K. an, der solle die vorbereiteten Mittags-Teller auf der ganzen Ablage abstellen… K. weist immerhin darauf hin, das die am Rand stehenden Teller beim unmittelbar bevorstehendem nächsten Anlegen des Schiffes herunter fallen könnten, folgt aber der Anweisung, und zwar wie üblich nicht, weil er ein Duckmäuser ist, sondern weil er längst resigniert und innerlich gekündigt hat… das Schiff legt an, die Teller am Rand fallen herunter und der Chef fährt K. an, weil sie herunter fallen… für K. ist das der je nach Standpunkt des Betrachters berühmte oder berüchtigte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt… er brüllt seinen Chef sinngemäß an, der könne ihn nach stattgehabter Entleerung an der rückwärtigen Darmaustrittsöffnung lecken**… dann trampelt K. aus der Küche durch den Fahrgastraum in die Umkleide, wobei er leise Erheiterung über die totenstill auf die Teller stierenden Gäste nicht vermeiden kann und sich noch mehr als Verbrecher vorkommt… er zieht sich um und tobt etliche Kilometer durch den Wald bis nach Rahnsdorf, fährt nach Treptow und kündigt… der Chef auf dem Schiff, auf dem K. vorher gearbeitet hat, hat jedoch über K. und seine Kollegin bemerkt, dass sie das beste seit Langem von ihm erlebte Team gewesen wären, so dass K., weil man wieder einmal eigentlich mit seiner Arbeit zufrieden gewesen wäre, wieder einmal etwas unwirsch diskutieren muss, bis der Kündigung zugestimmt wird… allein diesen Ablauf zelebriert K. mindestens ein halbes Dutzend Male… was soll man mit einem solchem Menschen anfangen – nicht gruppenfähig oder gar psychopathisch-asozial…
 
… mal sehen, ob K. noch alles zusammen bringt… Hilfs-Schmelzer, Corporal-Schüler und Corporal [kleiner Scherz zum hier Essen], Schaltwart im Innendienst und im Außendienst [was zwei verschiedene Jobs sind], Sachbearbeiter, Hausmeistergehilfe, Heizer, Materialverwalter, Kassengehilfe, Halbwachmann [kleiner Scherz zum hier Essen; Pförtner, 2 Mal), Kioskverkäufer, Eisfabrikarbeiter, Küchenarbeiter, Postbote, Sortierer im Getränkewerk, Zeitungs- und Werbezusteller, Waggon-Entlader, Postsortierer im Amt, Müllplatzhelfer, Altenpflegehelfer (2 Mal), Straßenreiniger, Laborgehilfe in Heimarbeit, Wertstoffhöfling, Fahrradkurier, Aufgangsreiniger, Verkäufer im Secondhandladen [unter anderem für Bücher, ha], zweimal Fern- und einmal Direktstudent, Umschüler Mediendesign [alles abgebrochen]… die Reihenfolge der Aufzählung entspricht nicht bei jedem aufgezähltem Job der zeitlichen Reihenfolge, in der K. in diesen Jobs grotesk dilettierend gastierte… das Alter, wir berichteten…
 
… was aber nun soll man, und K. wiederholt sich bewusst innig-schmerzlich, mit einem solchem Luftmenschen tun… nicht gruppenfähig oder gar psychopathisch-asozial, ach… der Kern des Problems ist jedoch eigentlich – mangelnde Fähigkeit und Bereitschaft zur Bindung an Jobs und/oder Personen… allein, genau um diese Bindung geht es in den seit Jahrzehnten stattfindenden Traumprüfungen… daher nützt es nichts, wenn K. Bewerbungen schreibt… er muss eine dieser „Prüfungen“ bestehen und dann „zufällig“ in die Entsprechung des Traums in der sogenannten Realität gelangen… wem soll er das nun zu verklickern versuchen, heule heule…)

K. ist ratlos, was er jetzt machen soll; abgesehen immer von dem, was er gegessen hat, wie sein unmittelbar vorgesetzter Vorfahre gesagt hätte (kleiner Scherz zum hier Essen). Der Versuch mit dem Fernstudium ist ja voll nach hinten losgegangen.

Aber nicht nur, dass K. alle diese Jobs durch hat, von zwei Tagen (Kassengehilfe) bis zu sechs Jahren (Zeitungszusteller); er musste vor allem erleben, dass man ihn nicht mehr nimmt. Er hat vor einigen Monden den Online-Test für dringend gesuchte Briefträger bestanden und ist nicht genommen worden.

So weit wieder die textierische Entladung des K., die durchaus psychoprophylaktisch-sozialhygienische Wirkung auf ihn zu haben scheint, bla.

PS: K. hat es heute mit dem milde formulieren, aber erstens nimmt er das durchaus wahr und zweitens oder vor allem handelt es sich wohl um Altersmilde, *hüstel*…

** Hier sieht sich der Klient neuerlich als Bismarcks Privatsekretärin; wir bitten um angemessenes Unverständnis!
** Gräulich-grandiose Fehlleistung – „Darmausdrucksöffnung“, gnihi! Freud Euch des Lebens! Alles ist Ausdruck – Künstler, drück Dich aus!

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