Götterdämmerung oder Götzendämmerung?

K. hat das Problem letztens schon angedeutet und drei Beispiele dafür angebracht; Alice Miller, Hermann Hesse und Erwin Strittmatter. Alle drei waren in verschiedener Weise, aber in ähnlich starker Ausprägung, gewissermaßen Erforscher des Kindlich-Poetisch-Kreativen usw.; als Theoretiker, während sie praktisch Rabeneltern waren, ihre Kinder ins Heim steckten oder regelrecht fertig machten usf.

Nun hat K. es getan und sich Erwin Berners „Erinnerungen an Schulzenhof“ ausgeliehen.* Äh… – und gelesen! Die Lektüre wurde dabei immer intensiver; fast die Hälfte des Buches hat K. heute in einem Rutsch gelesen, was für das Buch spricht, nicht für Herrn K.

K.’s vorläufiges Fazit ist ähnlich dem nach seiner Lektüre von Nele Pollatschek – bucklige Verwandtschaft kann man sich nicht aussuchen und man entkommt ihr wahrscheinlich nicht, sinngemäß.

Und – gibt es glückliche Familien und glückliche Kindheiten? Wovon ist das abhängig, von der materiellen Basis oder von Wahrnehmungs- und Verhaltensmustern, sprich, sorry, von Psycho-Club? – Fragen eines langzeitarbeitslosen Bekloppten, nicht direkt nach Brecht…

So weit die Theorie; K. wird sich nicht um Kontakte bemühen, der vor einigen Monden unternommene Versuch war der letzte.

Strittmatter war einer der Götter, die K. geholfen haben, seine Jugend zu überstehen, und das klingt wahrscheinlich pathetisch, ist aber ohne Ironie usw. gemeint. Allerdings kann K. sich hier sicher sein, endlich wieder einmal zu einer Art Massenorganisation zu gehören, denn es dürfte viele DaDaeR-Bewohner gegeben haben, für die dieser Dichterhof in fontanisch-brandenburgischer Landschaft Traumziel, Vorbild, „Götterhügel“ usw. gewesen zu sein scheint.**

Berners Buch zeigt jedoch glaubwürdig und eindringlich, dass Schulzenhof für Etliche die Hölle gewesen sein muss, und es scheint dieselbe Hölle gewesen zu sein wie in normalen Familien.

Geradezu verblüfft war K. schon bei einer Wahrnehmung, die er lange vor der Lektüre des Buches gemacht hat. Wenn Strittmatter schrieb, liefen Leute manchmal gar auf Zehenspitzen durchs Haus. Korrekt – wie bei Thomas Mann

Beide Autoren haben sich bemüht, eine Lebenswelt, einen Kulturraum usw. so genau und eindringlich wie möglich zu beschreiben, ja, „zu konservieren“; nur kann man bei Strittmatter nicht mit dem Argument bzw. „Argument“ kommen, die langen Sätze wären so kompliziert und ähnlichem Schmarrn, hähä.

Da die Sehnsucht nach kleinen, überschaubaren, nach verständlichen und sicheren Regeln funktionierenden usw. Arbeits- und Lebenswelten immer verbreiteter zu werden scheint, bis hin zu immer wieder als „Sekte“ denunzierten therapeutischen Feldern, wurde „Der Laden“ ein ähnlicher Best- und Longseller wie „Buddenbrooks“.

K. ist, wieder einmal nur ganz kurz, aus der Deckung gekommen, sichtbar geworden usw., ha! Er hat Erwin Strittmatter zum 70. Geburtstag gratuliert und ist dabei zur Hochform aufgelaufen, was er auch selbst gespürt hat; mehrere Seiten thomasmannhaft gemeinter manierierter Epistel-Epik wurden aus einer Kaserne südlich von Berlin auf den Zuchthof nördlich von Berlin gesandt.

K. wusste, dass die Flut der Fanpost auf dem Schulzenhof grob in drei Teile geordnet wurde. Nur den kleinsten Teil hat Strittmatter selbst beantwortet.

K.’s bemühte Briefprosa wurde keinem der drei Teile zugeordnet. Ihm wurde buchstäblich postwendend das aktuelle Buch des Autors gesandt, das noch gar nicht in den Buchhandlungen lag, mit einer persönlichen Widmung des Dichters. K. kannte die Handschriften von Eva und Erwin Strittmatter aus entsprechenden Publikationen. Für einen Moment ist K. quasi aufgetaucht – und dann war wieder alles weg, alles nur geträumt, ach…

Demnach muss K. Strittmatter aufgefallen sein – ist er der Urheber des Budenzaubers (Strittmatter hat sich lange und gründlich mit Hypnose beschäftigt)?

(… aharhar, Hüppnohse, aharhar…)

Allein, in gewissem Maße wider Willen Lachen ist besonders belebend! – Hier zwei Kostproben aus dem Buch von Erwin Berner.

Neben dem Grundstück ist die Wiese. Zweimal im Jahr weideten Kühe auf ihr. Sobald ich zu singen anhob, näherten sie sich dem Grundstückszaun. In gebührendem Abstand bestaunten große feuchte Kuhaugen den Sänger. […] Kehrte ich sangesberauscht ins Haus zurück und fühlte mich gar von meinem Können überwältigt, so konnte es geschehen, dass die Eltern in der Küche saßen und ich Vater sagen hörte: Jemand hat in den Wiesen gebrüllt… (Erwin Berner, „Erinnerungen an Schulzenhof“, RückbauAufbau-Verlag, 2. Auflage 2016, Seite 63)

Als die Eltern bald darauf in der Nachbarschaft einen Besuch machten, ergab es sich, dass Ilja und ich die zerschundene Schallplatte über den Pferdestall warfen. […] Mit der Zeit zerbarst sie, warfen wir uns nur noch Bruchstücke zu. […] Am nächsten Morgen stürzte Vater ins Haus. Er hatte nach dem Erwachen aus dem Stallstubenfenster geschaut und in der Dachrinne eine Schallplattenscherbe entdeckt. […] Vater war entsetzt. So also verlor man seinen Verstand: man sah Schallplattenscherben in Dachrinnen!… (ebd., Seite 177)

** Ganz großer freudvoller Verschreiber: „Erinnerungen an Schulhof“; gehste Krachen, Alter!
** Auch war K. durchaus irritiert, als er feststellen musste, zunächst von „fontanisch-mecklenburgischer Landschaft“ geschrieben zu haben. Was ist das? Das Alter? Ach, ach, ach…

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