(… K. sinniert über eine gewisse Glorifizierung von Simplifizierung…)

K. war freiwillig beim Zahnarzt! Den Grund dafür hat er bezeichnenderweise vergessen; er muss demnach, aua, bohrende Probleme gehabt haben. Den Zahnarztstuhlgang hat K. 2008 vollzogen in seiner Geburtsstadt weit im Osten, in Richtung Ural, kurz vor der Ukraine. Diese Ortsangabe ist mitnichten zynisch, vielmehr K. trotz sich häufender Gelegenheiten, bei denen diese Frage gestellt wurde, immer wieder verblüfft war, wenn bei der Nennung des Stadtnamens die Frage kam: „Wo is’n dis?“ Dabei hat selbst Meister Hanks… – lassen wir das!

K. kam ins sozusagen dienstliche Gespräch mit der Krankenschwester, währenddem er wahrheitsgemäß angegeben hat, mit dem Rauchen aufgehört zu haben zu einem Zeitpunkt, zu dem er sich an 100 Zigaretten täglich gewöhnt hatte.

Höhnische Laute im Warteraum. Dort warteten Arbeiter, die als solche sofort zu erkennen waren durch ihre Berufskleidung. Es könnten Blaumänner gewesen sein; K. kann sich nicht mehr genau erinnern, was im hier verhandeltem Kontext aber nebensächlich ist.

Ein bisschen gestutzt hat K. denn doch; wütend geworden ist er leider erst sehr viel später, wie immer. So kommt man zu nix!

„Du bist nie bei der Sache; Du bist immer mit den Gedanken woanders!“, pflegten etliche Genossen Erziehungsberechtigte rückzumelden, die weder fähig noch bereit schienen zu realisieren, dass genau sie genau diesen Zustand K.’s verursacht hatten… Ja ja, die Eltern sind schuld! Und Erich! Und die Stasi!

Ganz offensichtlich glaubten diese Arbeiter, K. wolle bei der jungen Schwester punkten und würde deshalb auf die Kacke hauen. Was K. jedoch in dieser Situation dämlicher bis bösartiger Unterstellungen vor allem sprachlos machte, war die offensichtliche ehrliche Überzeugung der Männer, dass sie K. als Lügner durchschaut hätten. Es war, als wollten sie etwas sagen wie: „Alter, Du brauchst hier nicht anzugeben vor der taffen Braut; es ist doch echt nicht tragisch zu quarzen, kannst Du doch ruhig zugeben, keine Hürde, Mann!“ usw.

Dabei war das schon sozusagen inhaltlich daneben. K. wusste, dass viele Alkoholiker ihre Sucht lange zu kaschieren und gar zu verstecken versuchten, auch oder gerade vor sich selbst, und dass vor allem entsprechende Bemühungen verhängnisvoll lange gut gingen. Wie aber sollte dergleichen bei einem Raucher mit dem täglichem Konsum von 5 Schachteln funktionieren? Da halfen weder Deos noch Mundwässer noch Kaugummis usw., das roch man doch?!

Warum erinnert sich K. an diese Episode und hält sie für wichtig genug, sie seiner völlig zu Recht unübersehbaren Nichtleserschaft in seinem Bloghäuschen zu präsentieren? Abgesehen natürlich immer davon, dass er in seinem mentalem Masochismus hin und wieder dazu zu neigen scheint, sich als Opfer wahrzunehmen, versteht sich.

Nun, auf die Gefahr hin, neuerlich seinem Drang nach Grandiosität zu erliegen, glaubt und erklärt K., dass diese winzige Episode weit über seine marginale Person hinaus bezeichnend sein könnte.

Einige Jahre vor dieser Short-Short-Story hatte K. einen wirklich klugen Mann sinngemäß, fast wirklich sagen hören, Wirklichkeit wäre das, worüber sich die jeweilige Gruppe geeinigt hätte, dass es Wirklichkeit wäre.

Dieses coole Bonmot hatte sich K. gemerkt, und es war ihm auch im Zusammenhang mit diesem Zahnarztvorzimmergespräch wieder eingefallen. K. hatte, natürlich, die Wahrheit gesagt; die zählte aber nicht, da sich die Mitglieder der Gruppe, in der er sich gerade aufhielt, einstimmig geeinigt hatten, die Wahrheit anders und vor allem aus ihrer Sicht adäquat definiert zu haben.

Von hier lässt sich jedoch, wie K. in seiner therapieresistenten Arroganz glaubt, leicht ein Bogen schlagen zu Bezeichnungen wie „Lügenpresse“ oder „alternative Fakten“ usw. Gruselig ist, dass K. auch oder gerade die Rückmeldungen per Mental-Funk der dauerhaft kommentierenden virtuellen Diensteinheit (DAUKOVIDI) als gewissermaßen alternative Realität zu erleben gezwungen ist, aber das am Rande von Einem am Rande.

Schließlich aber scheint diese Art und Weise, gewissermaßen, siehe Headline, die Wirklichkeit zu simplifizieren, in der DaDaeR in gewissem Sinn und Maße Staatsdoktrin gewesen zu sein. „Unsere Jungs, Arbeiterjungs!“, auch, wenn sie tatsächliches Geschehen völlig entstellt haben.

So, nun habe ich Euch wieder gezeigt, was Ihr alles falsch gemacht habt, Nossinnunnossn, hoho!

Bla.

(K. winkt ab, weil eh‘ alles Haschen nach Wind ist, wischt die Knutschflecken vom Spiegel und legt sich ’n bisschen hin. Abhang Vorhang. Stürmisches, langanhaltendes Schweigen.)

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