… abwarten und Tee trinken…

Es ist Pfefferminztee und er ist ganz billig und er schmeckt. Man sagt, glaube ich, als Naturwestmensch nicht „billig“, sondern „preiswert“, aber drauf defäkiert. – Man wird das ja wohl noch aussprechen dürfen…

Ab Mitternacht ist Ausgangssperre, aber Joggen wird sogar ausdrücklich empfohlen. Allein joggen, aber das mache ich eh‘ schon immer. Auch war ich seit etwa 30 Jahren nicht im Theater oder in der Oper und seit ca. 20 Jahren nicht im Kino oder in einer Ausstellung oder in einem Museum. In der Disko oder ähnlichen Zusammenkünften zur musikalisch betreuten rhythmischen Abreaktion sowie Anbahnung von Kontakten mit Option auf Weitergabe des genetischen Codes war ich in meinem ganzem Leben zwei oder drei Mal, zuletzt 1982 oder 1983.

„Sieht aus wie ’n Direktor, bloß druff hatta nüscht!“ O-Ton vox populi. – „Harte Worte, harte Worte!“, „Herr Lehmann“, Szene Prinzenbad. Übrigens nur im Film, im Buch nicht. Ich bin im Bilde! Morgen sollte Herr Regener in M Kafka lesen, aber die Lesung ist natürlich jetzt coroniert. Ich jedoch habe Kafka jeden Tag und vor allem jede Nacht live und in Farbe, ha! – Wie sieht denn ein Direktor aus? Aber das waren Überbleibsel der alten Gesellschaft, die wir im Zuge unserer gesetzmäßigen Entwicklung überwinden würden. Wenn wir nicht gestorben sind, überwinden wir immer noch. Dies nur wieder am Rande, Nossinnunnossn!

Im Urlaub war ich in meinem ganzem Leben als körperlich Erwachsener nicht. Die letzte Urlaubsreise habe ich mit meinen Eltern und meinem Stiefbruder absolvieren müssen, als ich körperlich 16 oder 17 war. Man reproduzierte seine Arbeitskraft in diesem Klotz in Prora, der als Arbeitskraftreproduktionsanstalt für Angehörige der bewaffneten Organe diente. Das Nachbargrundstück war bis einige Dutzend Meter ins Wasser hinein mit einem hohem und besonders stabilem sowie von Posten mit AK 47 bewachtem Maschendrahtzaun abgeriegelt. Dort wurden Offiziersschüler befreundeter Länder ausgebildet. Einmal habe ich beobachtet, wie eine Gruppe von Offizieranwärtern an einer Fla-Rakete unterwiesen wurde. Trotzdem – gute Erholung! Ich bin in meine Thomas-Mann-Welt geflüchtet. Zauberberg und so, höhö! Hattsedochnichalle! Das war nicht typisch für unsere Menschen, hat mir aber geholfen, ph!

Mir fehlt demnach nichts, wenn ich jetzt ausgangsgesperrt bin, was ich auch eigentlich sagen wollte. Ich kann mich nicht gut ausdrücken, denn wir hatten im Osten, wie mehrfach berichtet, zu wenig Buchstaben.

Dieses Level des eingeschränkten öffentlichen Lebens ist mein „normales“ Level…

Mir kommt wieder dieser Gedanke, den ich schon des Öfteren bei der launigen Erörterung des lukrativen Themas „Hartz IV“ schriftlich durchgekaut habe. Es geht um Wahrnehmungsmuster. Jetzt sind viele Leutinnen und Leute gezwungen, sich der Forderung der Selbststrukturierung des Alltags zu stellen. – Aber, ach, es gibt ja TV mit Netflix usw. – Ich habe übrigens nicht schlecht gestaunt, als ich heute früh irgendwo aufgeschnappt habe, dass Netflix als Vorbeugung gegen Überlastung durch quasi Hausarrestierte sein Datenvolumen drosselt oder wie man da sagt als voll die Fachmenschin oder der Fachmensch.

Auch bei Hartz IV ist die stärkste Belastung das sich existentiellen Fragen stellen Müssen, die man im wohligem gruppenweise eingelullt Sein in durch außen vorgegebene Strukturen der Arbeit und überhaupt des Alltags mühelos verdrängen kann. Dies mein kräftig-aromatischer Klugschiss bei mehreren vorzüglich unpassenden Gelegenheiten, bla.

Ich habe das jetzt tatsächlich sechs Tage durchgezogen mit dem rund 50 Minuten Joggen. Mindestens interessant erscheint mir etwas schon vor einigen Monden Aufgefallenes und jetzt wieder Erlebtes. Kurz vor meinem Einzug in dieses Haus hatte ich mir von meiner Hausärztin eine Überweisung zum Orthopäden geben lassen, wegen Rücken. Dann bin ich einige Tage gelaufen, allerdings nicht sechs Tage am Stück. Egal – Rücken war weg.

Jetzt ist etwa Ähnliches passiert. Noch am Montag zog und zerrte und stach es an Stellen meines Körpers, wo meines Wissens gar keine Muskeln oder Sehnen oder dergleichen installiert sind, die schmerzen könnten. – Was ich mit „dergleichen“ meine, weiß ich selbst nicht, aber es klingt irgendwie literarisch, *hüstel*…

Jedenfalls sind alle diese Zipperlein und Wehwehchen weg und auch das Kratzen im Hals, das garantiert nichts mit diesem beknacktem Corona-Virus zu tun hatte. Eine „einfache“ Grippe, die ich mir wahrscheinlich in der Nacht „geholt“ habe, als ich die Heizung abgedreht hatte und dann am Morgen Minus-Grade mich bis in meine Träume hinein frösteln und schauern ließen. Wenn das kein systemisch-ganzheitliches Frieren ist, Alter! Nein, die Beschwerden waren nicht histrionisch-eingebildet, Frau Dr. Anna Lyse.

Natürlich ist hier wieder, *hüstel*, störungsspezifischer Größenwahn wirksam. Dr. Milton Erickson, nicht wahr?! Dem Mann hatten die Ärzte beim Abklingen seiner völligen Lähmung empfohlen, sich zu schonen. Stattdessen ist er über tausend Meilen auf dem Mississippi gerudert oder gekanut oder wie man das nennt als voll die Fachmenschin oder der Fachmensch.

Entgegen ärztlicher Prognosen konnte er dann zumindest an Krücken gehen und schließlich ohne diese, ha! Wieder dieser „Effekt“, dass jemand für sich selbst den Durchbruch bewältigt hat und dann vielen Menschen viel geben konnte, um den Sachverhalt hier einmal etwas poesiealbumsend zu formulieren. Bei M. E. war der Leidensdruck hoch genug, um etwas draus machen zu können.

Tja… – Bla.

Und komm nicht vom Weg ab, sonst holt Dich der Wolf!
Wir sehen den präsenilen Spätestpubertäter als Jogger.

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6 Antworten zu … abwarten und Tee trinken…

  1. Gisela Schall sagt:

    …ok… ich kenne das Märchen…

    Bruder Koske,
    das is´n Super Posting!

  2. Au Backe, Karneval ist doch vorbei, aber … dein Joggingoutfit ist schon kernig.

    Ansonsten kann ich deinen Ausführungen nur beipflichten, meine Extrovertiertheit endet an der Innenseite der Türklinke meiner Behausung.
    Leider bin ich dem Joggingalter schon längst entwachsen und lahmende Omas in freier Wildbahn werden nun mittlerweile gemieden, als wären sie leprakrank, und ernten nur noch angewiderte Blicke.
    Aber auf unbelebten Schleichwegen erhoffe ich morgen in aller Frühe, wenn die arbeitende Klasse noch den verdienten Wochenendschlaf schläft, dann doch noch den Zigarettenladen schadlos zu erreichen um Inhalationsgut zu erwerben. Einsame Tage können auch oder gerade wegen SARS ohne Lungentrost lang werden.
    Mach’s richtig
    😉

    • Herr Koske sagt:

      Ha! Is‘ ja nett – Besuch aus dem hohem Norden!!! (… „nett“ – wie kompostig… aber, eben – passt schon…)

      … ich versuche ja gerade, dem Lahmen davon zu laufen… außerdem – Du bist wenigstens Großelterin (oder so ähnlich) und hast Enkel… ich dagegen habe manchmal Pickel auf der Stirn…

      In diesem Sinne – bleib gesund!

      • Schön wär’s mit den Enkeln, aber ich habe nur einen „Enkelhund“.
        Erfreulicher Weise haben die Nachbarskinder mich mal als „Ersatzoma“ adoptiert, aber jetzt bangen sie natürlich schon wieder, da im letzten Jahr ihr adoptierter „Ersatzopa“, der Hatschimann, verstorben ist.
        aber :
        „Jetzt bin ich alt, bald bin ich kalt, soll niemand drin wohnen als Jesus allein,“ oder so oder anders.
        Keine Panik.
        Dieses immer wieder authentifizieren auf diesem Blog ist schon sehr lästig, verhindert eigentlich das kesse Kommentieren.

        • Herr Koske sagt:

          … immer auf das Schlimme… ich schaffe das irgendwann, zu wordpress.com zu wechseln, aber ich will nicht so ’n Billigteil mit Werbung… ach ach… (hoffentlich greift Corona nicht aufs Internet über – ja, ich bin ein Zynist, O-Ton vox populi)

          (… Katzencontent, heute mit Hund…)

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