Hat der pubertätliche alte Sack wieder Heimweh?

Wird nun auch Graph O. Dino, der weltfremde Fürst ohne Reich, von Ostalgie gebeutelt? . Ich finde dieses audiovisuelle Kommunikat einfach cool, basta! Außerdem werde ich meine, hach, letzten Jahre in, muaha, Iron Hut City verbringen. – Könnte man nicht den PR-Chef von Eisenhüttenstadt Tom Hanks zum Ehrenbürger der ohne Ostalgie gesprochen besonderen Kommune machen? – Ich meine ja nur! Man wird das ja wohl noch sagen dürfen! – Im Augenblick klappt das nicht, da bekomme ich nicht einmal Antworten auf meine Sendschreiben papierener und immateriell-elektronischer Natur. Ich verstehe das! Ich verstehe überhaupt alles. „Ich bin ja so schlau!“ („Silly“) Die halten mich da jetzt für ’n durchgeknallten Cityhopper oder Flatjumper oder dgl. Ist okay, ohne Quatsch! Aber irgendwann schaffe ich es, dort eine karge Klause forever zu finden! Wo ’ne Pille ist, ist auch ’n Steg usw.

Dieses Video unterläuft gerade ungeschriebene Gesetze der PR und könnte gerade deshalb geeignet sein, neugierig zu machen auf diese Gemeinde. – Dialektik, wo man sie nicht vermutet, ha! – Auch „Dialektik“ hat nichts mit Ostalgie zu tun, sondern ist ein Begriff aus der antiken Philosophie griechisch-römischer Prägung. Das nur wieder am Rande und zur Entspannung angemerkt, aber aus Gründen!

Bereits der Startpunkt des Stadtrundgangs machte mich schmunzeln. – Lasst Old Ron doch die kleine Freude, er hat doch sonst nichts! – Man beginnt nicht an einem zentralem Punkt oder gar am Start der offiziellen Stadtführungen, sondern ziemlich weit draußen im sechstem Wohnkomplex. Tragikomischer Weise kann man den mittlerweile wieder als jüngsten Stadtbezirk präsentieren, denn der siebte Wohnkomplex existiert nur noch in Rudimenten buchstäblich am Rand, von denen etliche in naher Zukunft auch noch rückgebaut werden. Aber

Schon bei Sekunde 8 zeigt die Kamera ein in großen Teilen oranges Haus, das ich mir erlaube, für sehr bemerkenswert zu halten. Es handelt sich um eine der typisierten, ja, beinahe standardisierten Plattenbauten, die jedermann unwohlbekannt sein dürften. Allein, was man daraus gemacht hat! Es geht doch! Warum hat das vor der Wende nicht funktioniert? Wo war da die Kreativität der Bauschaffenden? – Genau, das ist Psycho-Club, das kann weg…

Bereits die ersten Minuten vermitteln ein Stadtbild, das den mit einiger Berechtigung beim Namen „Eisenhüttenstadt“ zu erwartenden Assoziationen schier konträr entgegengesetzt sein dürfte. Man meint, in einer Parkstadt zu sein. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit man, nicht nur ich. – Männer sagen oft „man“, wenn sie „ich“ sagen müssten, Frauen aber auch! Dies jedoch nur wieder am Rande und zur Entspannung! – Zunächst scheint das verständlich, weil die Kamerafrau oder der Kameramann am Kanal entlang geht und dann über die Insel. Die ist vor der Wende als Naherholungsgebiet gestaltet worden und mittlerweile auf beinahe ökologisch vorbildliche Weise gewissermaßen teilverwildert. Schade ist es trotzdem um einige Anlagen zur Reproduktion der Arbeitskraft, aber ich kann da eigentlich nicht mitreden, denn ich bin bekanntlich arbeitsscheu.

An der Stelle zwei Gedanken, die schon seit einigen Monden in mir umgehen. Lange, bevor der Begriff „ökologisch“ auch Ottilie Normalverbraucherin geläufig war, hat man in Hütte Wohnblocks in Waldstückchen hinein gebaut. Okay, oft aus Kiefern bestehend – aber trotzdem! Gerade jetzt, da auch innerstädtisch die Grünstücken aus Gründen nicht mehr so akribisch gepflegt werden wie von den realsozialistischen Kollektiven, kommt das voll gut. Augenfällig wird dies etwa hier.

Noch deutlicher wird das auf den Innenhöfen der Wohnkomplexe. Indem die Kamera weiter fährt bzw. weiter gefahren wird, bleibt die Anmutung einer Parkstadt. Ich sage es nochmals für unsere kapitalistischen Menschen, immer dynamisch usw. – das ist keine „Ostalgie“. Der Hof zum Beispiel, in dem ich etwa vom zweitem bis zum zehntem Lebensjahr aufgewachsen wurde, ist mittlerweile völlig „entkernt“, so dass beinahe ein separates Biotop im „Ring“ der Wohnblöcke entstehen könnte. Bei etwa 31:08 bis 31:12 zeigt die Kamera die Außenseiten der diesen „Ring“ nördlich abgrenzenden Blocks. Meist sind in den „Ringen“ jetzt Parkplätze. Aber ich kann auch hier nicht mitreden, denn ich bin Plattfußgänger. Korrekt müsste es heißen „Knick-, Senk- und Spreizfußgänger“, aber ich will nicht orthopädischer als der Orthopäde sein.

Dann – der Sound! Es könnte kein Zufall sein, dass derartige von sogenannten Laien* hoch geladene Clips mit Stadtansichten sehr häufig nicht nur mit getragen-melancholischen, sondern gar mit wuchtig-pathetischen Klängen unterlegt zu sein scheinen. Auch das hat Gründe, wie mir besonders beim Ansehen derartiger Videos über Königsberg/Kaliningrad schien. Mein unmittelbar vorgesetzter Vorfahre stammt von dort, aber eigentlich bin ich der „Flüchtling“, wie eine erfahrene Mitgliedin des Freudeskreises Anna Lyse nachdrücklich anmerkte. Auch in Kaliningrad sind große Rasenflächen, wo Wohnblocks standen. Das am Rande und zur Verspannung!

Zu meiner Überraschung wächst in mir das Verlangen, das Wort „dynamisch“ zu verwenden. Ich will das nicht vertiefen! Ich verwende das Wort jetzt aber gleich wieder. Etwa eine halbe Stunde lang ist der Sound, siehe eben oben, dezent melancholisch. Ich fand die Stadtansichten spannend, weil die Musik auf nicht leicht zu erklärende Weise nicht zu passen scheint. Das ist jedoch arger Subjektiefsinn, wie gesagt!

Hundert Pro dynamisch nun wird der Sound, als es – in die Altstadt geht. Etwa ab 37:30 biegt die Kamerafrau oder der Kameramann in die Bahnhofsstraße und damit in die altstädtischen Quartiere von E-Stadt ein.

Hier habe ich 2008 in gewissem Sinn und Maße einen persönlichen Kulturschock erlebt. Die „Vorher-Nachher-Spanne“ war bei mir sehr groß, weil ich die Stadt zuletzt einige Monate nach der Wende erlebt habe und dann erst wieder 2008. Selbst viele Eingeborene wissen nicht, dass Eisenhüttenstadts Stadtteil Fürstenberg eine der wenigen durch den zweiten Weltkrieg kaum geschädigten mittelalterlichen Stadtgründungen im Oder-Neiße-Gebiet ist. Auch das widerspricht den Klischees, die einem bei „Eisenhüttenstadt“ verständlicherweise kommen.

2008 nun sah Fürstenberg für mich ein bisschen aus wie Klein-Lübeck. Ein großer Teil der Altstadtbauten war liebevoll und akribisch bis in scheinbar marginale Details hinein saniert und restauriert. Es wurde für mich überhaupt erst einmal augenfällig, dass jahrzehntelang ganze Straßenzüge, mit Verlaub, vergammelt sind. Man wird das ja wohl noch sagen dürfen!

Wie ich im Zuge verstohlener Erweiterung meiner Viertelbildung bei der Lektüre eines Printmediums erfahren habe, wollten DDR-Funktionäre zumindest Teile von Fürstenberg als Überbleibsel der alten Gesellschaft abreißen lassen. Natürlich wollte man die technologischen Lücken des großen Werkes schließen und nach Eisenhüttenwerk, dann Kaltwalzwerk und schließlich Stahlwerk, man beachte die mindestens unlogische Reihenfolge, auch ein Warmwalzwerk und eventuell den veredelten Stahl weiter verarbeitende Werke bauen. Für die dafür notwendigen Arbeitskräfte wollte man einen achten und neunten Wohnkomplex in die dann rückzubauende Altstadt hinein errichten.

Eine meiner womöglich wirr-wilden Thesen** lautet in etwa, dass nach dem „Fallen des Vorhangs“ (Thomas Mann) nichts gekommen wäre als die grotesken bis furchtbaren gesellschaftlichen Großversuche in Braun und in Rot. Meine Sehnsucht nach dem Atmosphärischem vor dem „Fallen des Vorhangs“ habe ich vorsichtshalber gleich selbst als schräg bis pathologisch abgewertet. Das schien mir umso angebrachter, als ich mir dieser Sehnsucht erst mit 50+ in dem Maße bewusst wurde, dass ich sie verbalisieren konnte und wollte.

Jetzt aber fand ich diese Sehnsucht sozusagen materialisiert an einer völlig unerwarteten Stelle. Augenfällig und sehr überzeugend ist an die durch Braun und Rot abgebrochene Entwicklung angesetzt worden und dies bis zu den in Fraktur beschrifteten Straßenschildern.

„Entdeckungen bei uns zu Hause“, aber nicht „Pionierstafette 2000“. – Sooorry!

Übrigens hatten und haben sowohl vor als auch nach der Wende Panorama-Aufnahmen von Eisenhüttenstadt eine mindestens seltsame Eigenart. Im doppeltem Sinne nahe liegend ist es, diese Aufnahmen auf einem Hügel der Diehloer Höhen westlich der Stadt zu machen. Fast immer jedoch werden bei diesen Panoramen die Anlagen des Werkes mit Tele heran geholt. Der außereisenhüttenstädtisch sozialisierte Bildbetrachter muss glauben, dass quasi die Hochöfen einen Steinwurf hinter den letzten Blöcken der Neustadt stünden. In Wahrheit erreicht man das nächste Werktor ca. 2 Kilometer nördlich dieser Wohnblöcke und von dort ist es noch ein Stück bis zu den Industrieanlagen- und Bauten.

Ich erwähne das, um zu zeigen, dass meine Wahrnehmung trotz persönlichkeits-, alters- und störungsspezifischer Einschränkungen zuweilen adäquat zu sein scheint.

Ich wiederhole, dass dieses Video Klischees angenehmst unterläuft, während etwa diese Panorama-Aufnahmen sie bestärken. Man wird das ja wohl noch sagen dürfen!

Etwa ab 11:20 sieht man den Platz vor der ehemaligen „Juri-Gagarin-Oberschule“, in der ich von der vierten Klasse bis einschließlich des ersten Halbjahres der zehnten Klasse am längsten in meinem Leben in einer Gruppe verbracht habe. Ich kann einfach den vor einigen Monden in diesem Blog-Haus geäußerten Gedanken nicht unterdrücken, dass dieser Platz mit den ehemaligen Schul- und Verkaufsgebäuden darum einen idealen Campus für eine Fachhochschule abgeben würde. – Wir bitten um Verständnis, der Klient wird bereits betreut! – Vielleicht sollte ich doch einmal eine Art „Konzept-Papier“ aufsetzen? – Ich meine, wenn ich ohnehin für ballaballa oder einen Schlucki usw. gehalten werde, dann fällt das doch nicht weiter auf, oder? Höhöhö. Is‘ ja alles störungsspezifisch, nich‘?

(… nein, ich will nicht OB von Hütte werden, auch nicht im Unbewussten… Herr Balzer spielt zwar nicht mehr mit mir, aber der macht das schon… er hatte eine weise Schulung… – Achtung, lokaler Witz, nicht für jedermann…)

PS: Apropos „Melancholie“. Eine Art Antwort auf mein gestriges schmerzliches Verschmachten habe ich heute hier gefunden. Da beginnt man doch gern einen sonnigen Sonntag! Frischauf, ans Werk! Äh… – welches? Aber der Mann schreibt sozusagen in einer fast geschlossenen Gesellschaft, was viele Künstler besonders produktiv werden zu lassen scheint. Bla.

** Ich schreibe „sogenannte“ nicht als Wertung, sondern weil gerade im Internet die Grenzen zwischen Laien und Profis sich aufzulösen scheinen.
** Im Auge behalten, den Mann!

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2 Antworten zu Hat der pubertätliche alte Sack wieder Heimweh?

  1. Gisela Schall sagt:

    Musik und Sonnenschein können vieles verzaubern und Emotionen wecken.
    Deine Erinnerungen von Teilen Deiner Vergangenheit. Eine Rückblende. Sehr schön beschrieben, mit einem aktuellen „Rundgang“.

    – Gegenwart.

    Neue Woche – neuer Start – das „Große Energiefeld“ wie Du es zu nennen pflegst, möge mit Dir sein! LG

    • Herr Koske sagt:

      Schwester Gisela! Wenn ich mal Geld habe – aharhar, also nie, aharhar – stifte ich einen Preis für die hartnäckigste Blog-Leserin (incl. Küchenschrank mit unkaputtbaren Türen, hoho), und der wird dann irgendwann nach der ersten Preisträgerin „Gisela“ heißen, ho ho ho…

      (… wenn Du mal in die Berliner Urstromdingsbums kommst – ja ja, da war ich noch nicht ganz weg getreten im Unterricht! – dann kieke mal nach Hütte… das hat was, echt… ohne (Din)Ostalgie…)

      Im Übrigem: danke gleichfalls! Man dämmert so milchig-wolkig in der leichten Depression vor sich hin, ach… hat ja auch was Kuschlig-Reproduktiefes, nich‘ (Umdeutung ist alles!)…

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