Über die Glorifizierung der Simplifizierung. Weitere sinnlose Textouren.

In der letzten Zeit musste ich immer einmal wieder an eine bei meinen Hospitationen in Iron Hut City erlebte elende Episode denken. D. h. ich musste nicht eigentlich! Das ist wieder so ’ne Floskel, mit der ich vor allem mir selbst vorgaukele, dass ich, Zitat „Silly“, „das Ohr am Land“ hätte, *hüstel*…

Ich war beim Zahnarzt. Dies 2008, wenn ich mich recht entsinne. Einige bohrende Fragen waren offen geblieben, aharhar. Im Warteraum saßen drei oder vier Arbeiter, die als solche unschwer zu erkennen waren, weil sie Arbeitsklamotten trugen. Die Schwester fragte mich, ob ich Raucher wäre. Ich verneinte wahrheitsgemäß. Leider ließ ich mich dazu hinreißen hinzuzufügen, dass ich einige Jahre vor diesem Arztbesuch noch täglich fünf Schachteln bzw. deren Inhalt geraucht hätte und dann aber nach einigen Anläufen von einem Tag auf den anderen aufgehört mit dem toxikophilem Inhalieren.*

Deutliche Erheiterung bei den Arbeitern. Einer kichert meckernd. Die unausgesprochene Mitteilung hinter oder zwischen den Worten aber lautet in etwa: „Alter, Du brauchst doch hier nicht auf die Kacke zu hauen vor der heißen Braut! Kannst ruhig zugeben, dass Du quarzt! Ist nicht schlimm, verstehen wir voll!“ Usw.

Dies war einer der seltenen Momente, in denen ich sprachlos war. Das Unheimliche an der Situation war, dass selbst mir mit emotionaler Intelligenz defizitär Ausgestattetem klar war, dass die Männer ernsthaft überzeugt waren, im Recht zu sein und dass ich ein Lügenbaron wäre. Das ist spezial-schräg!!! Viele Alkoholiker tarnen sich derart geschickt über viele Monate hinweg, dass sie niemandem auffallen als Suchtkranke. Aber als Raucher? Noch dazu auf dem Level von 100 Lullen pro Tag? Das riecht man doch! Das kann man doch selbst mit großer Mühe nicht verstecken!?

Bla. – Wirklichkeit ist, worüber die jeweilige Gruppe sich geeinigt hat, dass es Wirklichkeit wäre. Das hat ein nicht nur nach meiner Wahrnehmung schier weiser Mann sinngemäß, fast wörtlich gesagt. Er geht damit noch über die Thesen der Konstruktivisten hinaus, wie mir scheint. Ich war nicht in der Gruppe – und ich hatte auch keine. Man ist geneigt zu sagen – wie üblich. Heule, heule – selber schuld! Genau das war auch hier beim Warten auf den Bohrer nicht nach Beckett das Problem.

Warum schreibe ich das nun? Abgesehen davon, dass ich es wie immer besser finde, so was zu tippseln als gar nix… Möchte ich um Mitleid heischen, ich armes, armes Ich? Wünsche ich narzisstisch gefüttert und online gepampert zu werden? (… Scheiße, Mann – Geschäftsidee… lassen wir das…)

Das auch, wahrscheinlich. Ich kenne mich nicht so aus mit meinem seelischem Interieur! Ich brauche immer jemanden, der mein Unbewusstes tiefschürfend auslotet… tief lotend auf schürft… Dingenskirchen! – Drauf defäkiert, Mann!

Allein, mit meiner schier rasenden Arroganz wage ich zu behaupten, dass von dieser banalen Episode des Zahn sowohl als auch Bauchnabel Bohrens eine gerade Linie führt zu Aussagen wie der vom Minister für Staatssicherheit nach dem Abgang Gorbatschows bei den nicht mehr feierlichen Feierlichkeiten zum 40. und letztem Geburtstag der DaDaeR. „Jetzt ist Schluss mit dem Humanismus!“, hat der Armeegeneral Mielke gesagt.

Mit anderen Worten wurde die Rücknahme, der gewissermaßen Abbau usw. eines schon einmal erreichten, sagen wir: kulturellen Standes „umgedeutet“ zum Fortschritt und dies bis zur quasi deutschen demokratischen Doktrin. Eine mehr oder weniger schreckliche Vereinfachung von Wahrnehmungsmustern wurde als einzig legitime Sichtweise festgelegt. Dies zeigt sich sowohl in kleinen Erlebnissen des Kleinbürgers K. mit Vertretern des fortschrittlichen Proletariats sowie der medizinischen Intelligenz als auch ganz oben. – „Wo ist oben?“, Erwin Strittmatter.

Bla.

* Ich habe mich in dieses mein Neonym „toxikophil“ ein bisschen verliebt und werde es daher vermutlich nur noch etwa 50 Mal verwenden. – Dies wieder am Rande und zur Auflockerung!

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