… das alte Kind entdeckt den Dokfilm…

Da muss man erst einmal drauf kommen! Man muss wissen, wo es steht, in der Tat. Ich habe wohl allerdings, wieder einmal, zu schnell aufgegeben. Zumindest „Eisenzeit“ hatte ich mir schon lange vorgemerkt, habe den Film aber im Net nicht gefunden. Jetzt schon – auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung. Chch. Ich habe mir nicht nur diesen Film herunter geladen, weil mein LTE-Stick für ruckelfreie Wiedergabe denn doch nicht ausreicht. Liebe Kameraden Volksschützer (Zitat Fühmann)! Das war ich! – Bisschen Größenwahn muss sein, wie erst ca. fünfzig Mal gesagt. Andererseits sind das Profis, und wenn die nicht gewollt hätten, dass dergleichen gedownloadet wird, hätten sie die entsprechende Funktion abgeschalten, hätten sie nicht?

Natürlich, ein bisschen (Din)-Ostalgie… Da sind Stadtbilder von Iron Hut City von vor der Wende drin, die ich leider anzufertigen versäumte. Man kommt ja gar nicht mehr hinterher beim anhaltendem Rückbau, ach! Momentan sind die Gebäude dran, in denen ich trotz augenfälliger Unreife das Reifezeugnis mit dem wenig befriedigendem Prädikat „Befriedigend“ erworben habe.

Jenseits allen Geblödels bin ich erschüttert. Bei solchen Filmen und Büchern brauche ich immer eine Weile, bis ich überhaupt etwas dazu sagen kann. Aber hierzu muss ich schnell was sagen, weil ich sonst platze.

Ich muss erwähnen, dass ich Frank Gerritt Hauff und Mario Seela kenne. Mit Hauff habe ich einige Jahre lang in einer Klasse gelernt. Er war der Junge, dessen Augenmuskel verletzt wurde, als wir beim Kirschen Klauen erwischt wurden. Seela ist der „lokale John Lennon“. Bzw. eben tragischer Weise – war…

Korrekt, ich möchte jetzt als Trittbrettfahrer mitgenommen werden! – Ich kann nicht ohne ein paar Löffelchen Sarkasmus, sorry…

Einerseits fand ich etliche Wahrnehmungen bestätigt, andererseits andere in Frage gestellt; vermutlich ist das Dialektik. Natürlich ist mir klar, dass man wiederholt „passende“ Details findet, hat man einmal Wahrnehmungsmuster entwickelt, mit denen man halbwegs adäquat die sogenannte Realität erfassen zu können scheint.

Der Vater Hauff! Ein Mensch, der, ohne Ironie, mit ganzer Kraft für eine neue Gesellschaft gearbeitet, ja, geackert hat usw. Ich kann hier gar nicht ironisch oder sarkastisch werden, weil ich neidisch und eifersüchtig bin und das an dieser Stelle sofort zuzugeben bereit bin. Ich hätte wahnsinnig gern auch richtig mitgemacht, im engagiertem 16-Stunden-Tag usw. Damit ist nicht der sozusagen sachliche Inhalt gemeint, wie etwa Ideologie usw., sondern das emotionale Engagement, das Ankommen im Hier und Jetzt. Hier ergibt sich wieder das quasi übliche Problem – das ist ja Psychoclub und das soll und muss weg.

Aber ich habe erst mit über 40 realisiert, dass ich immer am Rand gelebt habe, und dies sogar im wörtlichem Sinne. Dazu ein anderes Mal!

Dann aber diese „Abspaltung“! Derselbe Hauff senior, der rackert bis zum Umfallen für eine bessere Gesellschaft, „benutzt“ seinen Sohn als Hauklotz und Boxsack. Ja, genau, Nossinnunnossn, Überbleibsel der alten Gesellschaft, die wir gesetzmäßig überwinden werden, bla bla. Ich wusste, ebenso wie andere Mitschüler, dass FGH zu Hause verdroschen wurde, aber dass es derart krass abging, habe ich nicht geahnt. Mir scheint jetzt sogar, dass es kein Zufall gewesen sein könnte, dass der besorgte Bürger, der uns beim Kirschen Klauen erwischt und brutal auf uns eingeschlagen hat, damit bei Hauff angefangen hat. FGH hat das „ausgestrahlt“, der Hauklotz zu sein. Genau hier zeigt sich wieder das Problem – das ist Psycho-Club, das kann vernachlässigt werden und wird vernachlässigt. Bewusste Vertreter der siegreichen Arbeiterklasse haben, wie der Name sagt, kein Unbewusstes.

Das ist nicht zynisch gemeint – das war ein gängiger „Textbaustein“. Immer wieder der Gedanke, dass man hier hätte anfangen müssen mit Befreiung von Unterdrückung, aber hier hat man aufgehört. – Nein, ich will nicht die Welt retten und ich sehe mich nicht als mittelgroßen Vor-, Bei- und Nachsitzenden usw., aharhar! Ich kann „nur“ mein Gehirn nicht abschalten; wir berichteten. Ich versuche es ja immer wieder – funzt nich’…

Allein, wie subjektiv Wahrnehmungen sind! Für mich, und wiederum nicht nur für mich, war Mario Seela ein bisschen eine lokale Legende, eine Art realsozialistischer Huckleberry Finn oder dergleichen. Dieser Film zeigt, dass er eine noch weitaus mehr gebeutelte Marginal-Person gewesen zu sein scheint als ich. Dass man so was überhaupt aussprechen kann, dass Einer wahrscheinlich nicht gern lebt! Bezeichnenderweise sagt das eine Frau. „Die Wahrheit ist zumutbar“ ist auch von einer Frau, bla. Aber, wie Mario ohne und Frank mit Worten sinngemäß ausdrücken – einfach weiter machen… Günstigenfalls wird der Sinn quasi nachgereicht.

Dann diese Bilder, die Anka in die Kamera hält, die Kellnerin, bei der die Filmhelden Zuflucht gefunden zu haben scheinen. Ich finde eine weitere Wahrnehmung bestätigt, die ich keineswegs nachträglich hinein deute, sondern damals schon hatte. Seela scheint auch dieses ganz tiefe Verlangen gehabt zu haben, endlich Kind sein und spielen zu dürfen. All das scheint jedoch Ergebnis schwerer psychischer Verletzungen, wie sie im XX. Jahrhundert besonders makaber ausgeprägt waren. Die Mutter Marios dokumentiert für mich mit vielen Worten vor allem die Unfähigkeit zu benennen, woher das ständige latente Unbehagen kommt. Das wird dann, wie üblich, an äußeren Details festgemacht; das Diplom kannste in die Tonne treten usw. usf.

Heise hat es geschafft, der hat diese „Position des Beobachters“ auf nicht nur für ihn gewinnbringende Weise kultiviert. Nein, ich komme jetzt nicht wieder mit Sloterdijk. Um das gleich klar zu stellen – der Mann würde mich sehr wahrscheinlich für einen blöden Spießer halten. Aber das ist mir Conchita; kein Kokettieren. Ich habe mir noch einige weitere Filme von ihm herunter geladen. Es könnte sein, dass diese Filme bleiben; nicht die dicken Wälzer über die Soziologie der DaDaEr. Das ist cool, Mann!

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6 Antworten zu … das alte Kind entdeckt den Dokfilm…

  1. Eva (der Appelboom) sagt:

    Danke für den Hinweis, das ist ja ne wahre Schatzkammer von Filmen!

    Eva

    PS: Frohes neues Jahr! 🙂

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