Eben hat die Hausfrau in mir  e i n  b i s s c h e n  geputzt

Aus Schuldgefühlen. Eigentlich will ich etwas Kreatiefes für meinen Kurs in kreativem Schreiben schreiben, aber ich muss erst meine Pflicht erfüllen, und ich wienere den Spiegel in meinem Pensionsstübchen und die Ablage darunter. – Wieso eigentlich „wienern“? Sollte man gelegentlich recherchieren; ich hatte, wir berichteten, gute Gespräche mit den Peters Hille und Altenberg, damals im „Central“ und so, *hüstel*.

Das lässt mich wieder an Fallada denken; nein, ich bin nicht größenwahnsinnig, jedenfalls nicht an dieser Stelle.

Leute, die man ohne Nachprüfung als glaubwürdig einschätzen kann, berichten, dass Fallada seine gewissermaßen dichtesten, stilistisch besten usw. Texte geschrieben hätte – im Knast. Vorher hätte er jedoch, so der Bericht, nicht die Sage, zur freudigen Überraschung der Vollzugsbeamten seine Zelle geputzt und geschrubbt und gewienert.

Das verstehe ich sehr gut, sorry!

Erstens hat eine reale Bestrafung für reale Vergehen stattgefunden, so dass als seltsamer, aber angenehmer Neben-Effekt auch oder erst recht die neurotischen Schuldgefühle etwas gedämpft wurden. Neurotische Schuldgefühle entstehen, wenn man, und „man“, nicht nur „ich“, gegen neurotische Verbote verstößt, deren Überschreitung meist schon in der frühen Kindheit bestraft wurde.

Solche Verbote können etwa lauten, und dass sie oft unbewusst bleiben, weil vor allem nicht ausgesprochen werden, macht sie umso wirksamer: „Du sollst nicht aus der Spur kommen! Du sollst keinen Spaß am Leben haben, schon gar nicht bei der Arbeit! Du sollst nicht versuchen, Dich kreativ zu betätigen mit solchem Scheiß wie Malen, Musizieren, Schreiben usw.!“

Diese neurotischen Schuldgefühle aber kann man offenbar derart deutlich ausstrahlen, dass man immer wieder von Kameraden Volksschützern (Franz Fühmann) in ihren kleidsamen Dienstkostümen angesprochen wird, weil diese ihre Pflicht erfüllenden Beamten es für möglich, ja gar wahrscheinlich zu halten scheinen, dass der Betreffende in der sogenannten Realität etwas auf dem Kerbholz hat oder gerade ein Ding zu machen im Begriff ist. Dieses Phänomen habe ich am eigenem Leibe bzw. Geiste sowohl in der DaDaeR als auch im freiem Westen erleben dürfen bzw. müssen. Ich armes, armes Ich – Mitleid, Mitleid!

Zweitens aber hat Fallada, um ein bisschen zum Thema oder jedenfalls zum Ausgangspunkt zurückzukommen, seine Pflicht erfüllt, indem er seine Zelle geschrubbt hat, und damit eine gewisse Berechtigung erworben, delikate Verhaltensstörungen wie Schreiben auszuagieren. Ist doch wahr – man muss das doch mal aussprechen dürfen.

Gewissermaßen Manifestationen dieser Problematik finde ich jedoch, in unterschiedlicher Ausprägung, auf Schritt und Tritt. Mir ist natürlich klar, dass man, hat man Wahrnehmungsmuster gefunden oder entwickelt, die halbwegs geeignet scheinen, die sogenannte Realität zu erklären, gehäuft Beobachtungen macht, die in diese Muster passen und sie zu bestätigen scheinen, aber – trotzdem, ejh!

Der Anfang von Hermann Kants „Aula“. Ich kann jetzt nicht wörtlich zitieren, da ich das Buch nicht hier habe, aber im ersten Satz heißt es sinngemäß, dass da einer an seiner Schreibmaschine sitzen würde, am verklebtem „a“ herum putzen, in einen Apfel beißen und dabei an Schiller denken usw. – und das alles Arbeit nennen würde.

Ist das wirklich Arbeit? – Das Misstrauen ist groß, auch beim typischen Vertreter der siegreichen Arbeiterklasse. Immer wieder fällt mir hier der brechtige Spruch ein, dass man, nachdem man die Höhen der Kultur erstürmt hatte, habe feststellen müssen, dass gar keine Verteidiger existierten. Muaha – sorry! Mit zunehmendem Alter finde ich Brecht immer interessanter, und ich weiß nur nicht, ob das spätpubertär oder frühsenil ist oder beides.

Dergleichen kann ich aber auch sozusagen auf der Gegenseite wahrnehmen, zum Beispiel bei Loriot. Ich wollte mich keineswegs arrogant über ihn lustig machen, indem ich ihn immer wieder „Professor von Bülow“ genannt habe – im Gegenteil! Vielmehr hat Loriot einmal angemerkt, sinngemäß, korrekt, dass seine Werktätigkeit als Honorarprofessor an der Universität der Künste in Big B seine einzige wirkliche Festanstellung gewesen wäre, hihi. – Oder auch nicht „hihi“, denn auch hier hört man den Zweifel nagen, ob so was denn richtige Arbeit wäre… Das ist jahrhundertelang eingehämmert worden, das geht nicht so schnell weg, auch nicht durch Wohlstand oder unsere sozlistschn Menschen, befreit von Unterdrückung.

Bla. – Wem das alles zu kompostig ist, der lese den Text der „Ode an die Arbeit“ von „Wir sind Helden“, ha!

In diesen Kontext gehört auch eines meiner Bonmots, das ich selbst ein bisschen cool finde; „André Breton gilt als Vordenker des Surrealismus – er war der Sohn eines Polizisten“. Har har. Lachen einstellen – nach unten wegtreten!

Korrekt – Loriot ist auch der Sohn eines Polizisten, wie ich, aber er hat es zumindest ein bisschen geschafft, ins Freie zu kommen, wenngleich – siehe eben oben! Für mich ist das aber eigentlich gar nicht relevant, weil ich so was von Muttersöhnchen bin; das ist zwar wieder einmal ’ne heftige Verdrehung ins Gegenteil, aber man gewöhnt sich dran, und das kann alles befohlen werden.

Abstürze beim Versuch, sich aus stark strukturierten Elternhäusern in sozusagen Militärmilieus abzulösen und zu künstlerischem Selbstverständnis zu finden, gibt es gleichfalls in sehr unterschiedlichen Soziotopen; hier als Beispiel Ost Wladimir Wyssozki und als Beispiel West Jim Morrison, bla.

So.

Das war das Wort zum Sonntag vom unterem Rand der Gesellschaft – häff fann!

PS: „Der Klient wünscht hier, im Unbewussten, inhaftiert zu werden!“; wir danken Herrn Dr. Freudlos für die neuerlich erhellende Deutung des Seins und Wesens des K. aus E. – Gequirlter Stuhlgang! Ich sitze im verschärftesten aller Knäste, nämlich dem der eigenen und insbesondere frühen neurostrukturellen Prägungen, aus dem ich vielleicht in diesem Leben nicht mehr herauskomme, heule heule heule…

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4 Antworten auf Eben hat die Hausfrau in mir  e i n  b i s s c h e n  geputzt

  1. Herr Ösi sagt:

    Fallada er beim Wienern nicht vom Stuhl oder vom Hocker, wenn er, zum Behufe der Reinigung, ein Möbelstück besteigt, chchch. Es muss ja nicht gleich der Knast sein, um stilistisch, hochwertig und so weiter. Auch den kreativen Kurs übers Schreiben wie er schreibt, könnte er sich schenken, schreibe ich, weil, weil, na weil du ohnehin schon gewissermaßen erstens 1A schreibst und zweitens, wie ich glaube, ein kreativer Kurs viel Kreativität vernichten kann, wenn gesagt wird, du musst so und so und so … und so aber nicht. Einfach drauf los und dann wird’s schon was. Klar, Bessere als man selber ist, gibt es immer. Damit habe sogar ich mich abgefunden … 😉

    • Herr Koske sagt:

      … shit – hat wieder nicht geklappt; ich dachte, irgend ein eingeborener Alpenbewohner könnte mir vielleicht ’ne Abstellkammer mit DSL überm „Central“ vermieten…

      (… hä-ähm… – „Ooopa?!“…)

      Mein Herr – danke für die Blumen; dennoch muss ich meckern – das ist wieder dieses Klischee, dass jemand „nur“ Talent haben müsste; es gibt so was wie Handwerk und das kann man nicht nur, sondern sollte man mal angeleitet vermittelt bekommen haben. Für Maler und Musiker gibt es auch Akademien und Konver… Konser… – Dings… Bla.

      Wenn diese Auskunft für Sie zufriedenstellend war, drücken Sie bitte irgendeinen Button!

      Hochachtungsvollst

      Herr Koske

      • Herr Ösi sagt:

        Ja und nein, sage ich und drücke einen Button, irgendeinen, wenn wir nicht ab und an gegen die Regeln der Kunst verstoßen, gegen alle Regeln des Handwerks verstoßen, kann nix Neues entstehen, einerseits – andrerseits ist nicht gesagt, dass, verstoßen wir gegen alle Regeln der Kunst und des Handwerks, dass auch wirklich was Gescheites entsteht und dabei rauskommt … wie auch nicht gesagt werden kann, dass, wenn wir uns an die handwerklichen Vorgaben, die man uns einimpft, halten, dass was Gescheites entsteht, entstehen muss, weil wir uns haargenau an die Vorgaben des Handwerks halten – es ist also fließend, Panther rhei oder wie das Vieh heißt, es liegt im Auge des Betrachters, davor aber immer im Auge des Künstlas, der das Zeug erschafft, denn ohne dem Künstla, selbst der neugierigste Betrachter nix betrachten kann …

        Der heutige Klugschiss wurde kostenlos sowie umsonst von oesiblog präsentiert.

        Vorzüglichst

        Herr Ösi

        • Herr Koske sagt:

          Aha. Na ja. – Ich weiß ja nicht…

          Man kann auch Unfähigkeit und Unwillen zur An- und Einbindung „umwerten“ – „eingeimpft“… Aber „wir sind ein freies Land“, wie es immer in amerikanischen Filmen heißt, wie ich letztens schon schrub (was augenblicklich vielleicht nicht zutrifft, was ich auch schon sagte, aber nochmals erwähnen möchte, um zu zeigen, dass meine Wahrnehmung halbwegs adäquat scheint, so dass die Hinzuziehung einer Gemeindeschwester zunächst nicht vonnöten sein dürfte).

          Was wollte ich sagen? – Man ist im Alter auch mental nicht mehr so elastisch… – Äh, das wollte ich eigentlich nicht sagen…

          Ich habe für mich beschlossen, still missvergnügt und dann aber auch quasi-öffentlich, dass es für mich gut wäre, hüpf hüpf, dreh dreh, ein wenig Ordnung ins Chaos in der Birne zu bringen (womit ich mitnichten auf Dr. Kohl anspielen wollte, denn über die Toten nur Gutes, wie wir alten Lateinisten, oder so ähnlich, zu sagen pflegen, *hüstel*), was sich jetzt nach einigen Lektionen sowie der verstohlenen Vorab-Diagonal-Überflug-Lektüre weiterer lehrreicher Lehrmittel aufs Ergötzlichste und Belehrendste bestätigt hat.

          In diesem Sinne – häff fann oder wie die Großbritannier sagen.

          PS: Außerdem muss ich Phantasie lernen und das geht eh‘ nur mittelbar, trallala… aber erst mal ’ne Minimal-Anbindung ist schon recht sehr gut für den armen geplagten Ost-Koske.

          PPS: „Herr Koske, Sie reden zu viel!“ – Ich verstumme, schier schnurstracks, aber nicht zu früh freuen: nicht für lange…

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