Self-fulfilling prophecy – hier scheißt Ost-Koske an! Ha!

Heute lagen Briefchen im Haus, in den Gängen, auf der Treppe und auch vor Zimmertüren der Pension. Eines habe ich schon ganz früh auf dem Gang liegen sehen, als ich voller Morgengrauen mein Angstwasser abschlagen war. Ich hatte bei dieser Wahrnehmung den albernen Gedanken, dass früher die Burgfräulein Tüchlein haben fallen lassen, um auf diese Weise Kontakte zu knüpfen, die unter Umständen zur Arterhaltung beitragen könnten. Ich habe darüber im Internet gelesen – Mann und Frau ziehen sich aus und manchmal kommen dann Kinder usw.

So weit das übliche koskatörichte Witzchen zum Zwecke der Selbstsuggestion des Inhalts, man wäre über dergleichen erhaben. Nachher aber lag ein solches Briefchen auch vor meiner Tür. Womöglich hat das jemand der Bewohner dahin gelegt. Das hat mich geärgert. Hat, inzwischen habe ich mich einigermaßen abgeregt. Ist eh‘ alles eitel und Haschen nach Wind!

Mich hat es schon geärgert, als die Padrona di Casa* kurz nach meinem Einzug darauf hingewiesen hat, dass Bewohner der Zimmer des Nachbarganges sich beschwert hätten, weil das dortige Bad immer schwimmen würde. Wieso kommt man mit so was zu mir? Strahle ich derart intensiv Schuldgefühle aus? Dass die neurotisch sind, also nichts mit tatsächlichen Übertretungen zu tun habe, scheint zu meinem Entsetzen oft auch nicht zu vermitteln, vor allem nicht geschmackvoll uniformierten „Kameraden Volksschützern“, Zitat Fühmann.

Zudem habe ich ’n hausfraulichen Putzzwang, in dessen Vollzug ich am liebsten nach Benutzung die Wasserhähne auch innen trocken wischen würde. Darauf hat mich mein märchenhaftes Stiefmütterchen konditioniert. Ich finde das heute nicht nur schlecht. Bei meinen Hospitationen, überall fremd**, in mehreren WGs habe ich zu meiner Überraschung festgestellt, dass die meisten Zimmer, und unabhängig von Geschlecht, Alter, Beruf usw. der Bewohner… äh… – etwas unübersichtlich unaufgeräumt wirkten. Allerdings andererseits – bewohnt und, igitt, gemütlich. Ich drücke mich wieder mädchenhaft sanft aus; so sind wir, wir sensiblen Mädchen! Eben ist Master Bowie im ewigem Studio vor Lachen vom Hocker gefallen…

So ganz habe ich es nicht verstanden. Wahrscheinlich hat dergleichen zu Hause tatsächlich immer die Mama erledigt. Das Paradoxon der Hausfrau – als Putzteufel in den Himmel kommen wollen. Gelegentlich aber versuche ich mir vorzustellen, wie sich die Welt anfühlen könnte bei derartigen Ausgangsbedingungen, ach.

Ich schweife ab – das Alter und dann die Hitze! Auf diesem Briefchen stand in recht ansprechender Handschrift folgender Text:

Sehr geehrte Nachbarn,
 
bitte schließen Sie das Fenster zum Innenhof beim alltäglichem Würgen und Übergeben. Die Geräusche sind widerlich und zu jeder Tageszeit unangenehm. Vielen Dank für ihr Verständnis. Gute Besserung, freundliche Grüße – Ihre Nachbarn aus der XYZ-Straße 54, 52, 50.

Ich muss zugeben, dass ich nach dem erstem Lesen stinkwütend war. Da traf es sich, dass ich eh‘ gerade auf dem Sprung war, d. h., meine Morgenrunde(n) zu laufen beginnen wollte. Die Wut hat mich ganz gut angetrieben. Es wird langsam mit der Sublimierung oder jedenfalls Kompensation, Frau Doktor Anna Lyse!

Teuflische Probehandlungen kochten vor meiner geistigen Brille hoch! Ich schreibe eine Antwort und hänge diese mit einer Kopie des eben oben zitierten Briefes in die aufgeführten Treppenhäuser. Usw. Herrlich mental-lüsterne Rache-Phantasien! Auch in mir tobt das Schimpansen-Männchen, ich streite es gar nicht ab.

Ich habe es nachher dabei belassen, vor dem Duschen aus dem Fenster zu rufen, sinngemäß, dass solche Feiglinge vielleicht auch zum Kotzen wären. Ha, was bin ich ein mündiger Bürger! Was bin ich ein Kämpfer! Wie bin ich im Widerstand, boah! Ich wollte dann noch etwas hinterher rufen wie, ich würde planen, in den nächsten zehn Minuten laut zu husten und ob man nicht vielleicht die Feuerwehr holen wolle.

Das habe ich dann aber bleiben lassen. Ohnehin hatte mich die Putzfrau schon darauf hingewiesen, dass es um weiter unten wohnende Herren ginge. Wieso aber die Briefchen im ganzem Haus? „Putzfrau“ ist nicht abwertend usw. gemeint, zumal ich diesen Job ja schon selbst gemacht habe, jedenfalls gänge- und treppentechnisch.

Die mich zum Hochfahren anregende Information in diesem Brief ist jedoch in der Tat diese Verbindung von einerseits Feigheit, mit Namen und Adresse zu arbeiten, und andererseits Blockwarts-Mentalität, die sich darin äußert, dass man für vorgeblich gepeinigte Bürger gleich dreier Hausaufgänge zu sprechen anhebt, von denen viele wahrscheinlich gar nichts von dieser sinistren Informations-Aktion wissen.

„XYZ-Straße“ habe ich getippt. Im Original steht da der Straßenname. Bei uns vonnastasi is‘ alles konspiratiefsinnig, ha! – Trotzdem weiß man nicht, mit wem man es zu tun hat und wo genau die oder der wohnt, nich’…

Mich schießt das deshalb hoch, weil es mir geht wie dem Kater Francis in „Felidae“, der gleich am Anfang seiner Erzählung sinngemäß erklärt, dass er sicher wäre, jederzeit könne alles über einen herein brechen. Vielleicht hätte Pirinçci diese Grundhaltung irgendwo angemessen zu bearbeiten versuchen sollen anstatt nach rechts zu driften. Aber das am Rande! Man muss das doch mal aussprechen dürfen!

Ich rechne auch ständig mit allem… Mit Rausschmiss, mit Unfall bzw. „Unfall“, mit plötzlicher schwerer Erkrankung, mit Inhaftierung usw. Was wiegt schwerer, diese Grundeinstellung oder der Komfort in der Unterkunft? Ja ja, alles Psycho-Club. Kafka würde vielleicht einige seiner Erzählungen umschreiben, wenn er mich kennen würde, und das habe ich nicht nur witzig gemeint. „Obwohl K. nichts Böses getan hatte, wurde er eines Tages geliebt“. Sehr lustich, Ost-Koske!

Was geht in Leuten vor, die wegen erbärmlicher Lappalien solche Aktionen starten? – Sie müssen „irgendwie“ unzufrieden sein mit ihrem Leben, andernfalls sie sich nicht an solchen Kinkerlitzchen hochschaukeln würden. Dann sollen sie doch aber ihr Leben zu ändern versuchen und sich nicht, ha, auskotzen.

Abgesehen davon, dass ich es inzwischen als auch noch im 21. Jahrhundert sinnlos erkannt habe, vermitteln zu wollen, dass Alkoholismus eine Krankheit ist und keine Charakterschwäche oder ein sozialer Defekt. Zudem wohnen hier im Haus Leute, die gebeutelt sind vom Leben, und da könnte auch einmal Einer dabei sein, der lungenkrank ist. Soll der dann zum Sputum aus und ab Werfen in den Keller gehen? Vielleicht könnte man einen hauseigenen Rotz-Raum etablieren. Ich erhebe hiermit rechtlichen Anspruch auf den Begriff „Rotz-Raum“. Von wegen – nicht fit für die Marktwirtschaft, ha!

Mir ist durchaus klar, dass da was ganz Anderes dahinter stecken dürfte, aber ich werde mich hüten, das zu äußern. Erstens würde das eh‘ kaum jemand verstehen wollen, und zweitens dürfte es nachher wieder heißen, ich würde Einen auf Gruppentherapeut machen, was insofern ganz erstaunlich erscheinen muss, als es hier gar keine Gruppe gibt. Korrekt – zum Glück!

Nein, ich lasse mich nicht integrieren durch Farbe bekennen und Partei ergreifen im, igitt, Hier und Jetzt! Das war ja wohl der Plan, liebste In-Vivo-Therapeuten, oder? Hähä. – Böse, böse, Gollum…

Bla.

PS: Heutige freudvolle Fehlleistung des Tages – „Beherbungsbetrieb“. Gnihi.

** Nicht witzig gemeint; die Besitzerin und Betreiberin des Beherbergungsbetriebes, so die offizielle Bezeichnung, hat italienische Wurzeln. – Korrekt, Herr Doktor Freudlos, hier wünscht der Klient, im Unbewusstem, Kontakt zur Mafia. Großartige Deutung, gewohnt würzig!
** Ich zitiere einen Mitbewohner der letzten WG, in der ich gewohnt habe. Äh… – zutreffender Weise. Ich meine, zutreffender Weise zitiert, nicht gewohnt. Ich kann mich nicht so ausdrücken, wir berichteten! Aber hier draußen sieht man manchmal auch mehr Zusammenhänge, das ist die Kehrseite der Medaille oder wie der Volksmund sagt. Ohnehin erwarte ich derzeit den Befehl meines Command Centers, an die Basis zurückzukehren. Soll die Krone der Schöpfung auf dem drittem Planeten dieses Systems sich doch die Zacken der Krone polieren, pah!

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