Krasser Verschreiber! – Sigmund Fred…

Das war keine gewissermaßen spontane Fehlleistung, das hatte ich wochenlang auf einer Art digitalem Notizzettel stehen. Nein, ich meine nicht Sticky Notes oder dergleichen. Die benutze ich zwar neuerdings auch, aber meistens notiere ich, igitt, alles, was mir durch Herz und Hirn zieht, ganz altmodisch in einer Word-Datei bzw. OpenOffice-Datei. Ich bin halt ein wenig fossil; ich erwähnte es gelegentlich, wie mir scheint.

Mein Vater heißt Fred. Hieß Fred? Weiß ich nicht. Er würde in wenigen Wochen 80 werden. Beide leibliche Eltern hatten Krebs und bei beiden habe ich die Wahrnehmung Wilhelm Reichs bestätigt gefunden, dass diese Erkrankung etwas mit Sex- und damit Lebensfeindlichkeit zu tun haben könnte. Ob und inwiefern das auch auf meinen Blutkrebs zutrifft, muss und will ich hier nicht erörtern. Zumindest meinem Vater schienen solche Überlegungen nicht völlig fremd zu sein. Wenn ich mich recht entsinne, hat er zum Beispiel Fritz Zorn gelesen. Beide Eltern haben Glück gehabt, indem die Erkrankung sehr früh erkannt bzw. nachhaltig therapiert wurde. Dennoch besteht die Gefahr von Rückfällen.

Kurz gesagt, weiß ich nicht, ob die Leute noch leben. Soweit ich das einschätzen kann, ist mein Vater da hingezogen, wo er hingezogen ist, weil dort Verwandte von ihm leben. Es ist vielleicht die schauerliche Geschichte dieses Nicht-Romans einer Nicht-Familie, dass mein Vater jahrzehntelang berechtigt überzeugt war, Vollwaise zu sein, da er bei der Flucht aus Königsberg/Kaliningrad den Kontakt zu allen Verwandten verloren hatte. Ein paar Jahre vor der Wende hat er dann erfahren, dass seine Ursprungsfamilie im damaligem Westdeutschland lebte.

Auf den Ton, in dem er mir das erzählte, wird in dem halbem Dutzend Bücher eingegangen, das ich mittlerweile über Vertriebene gelesen habe. Als hätte er etwa sagen wollen, in seiner ehemaligen Grundschule wären einige Ziegel vom Dach gefallen. Die sind so, die Leute in dieser Generation. Die haben zu gemacht, weil sie das mussten, um zu überleben. Nur leider sind diese Mauern dann oft nicht rückgebaut worden, als sie nicht mehr nötig gewesen wären.

Vor einigen Monaten habe ich völlig unerwartet Telefonnummer und Wohnort meiner unmittelbar vorgesetzten Vorfahren mitgeteilt bekommen. Ich habe aber nicht angerufen. Vielmehr hatte ich sehr böse Phantasien etwa des Inhalts, ich würde von meinen Vorfahren Geld bekommen und das sofort der Bibliothek oder dem Kinderheim in Hütte spenden usw.

Das ist aber, wie die Mitglieder des Freudeskreises Anna Lyse sagen würden, etwas ganz Altes. Eigentlich müsste es, ich wiederhole mich bewusst, etwas ganz Frühes heißen, im Sinne von lebensgeschichtlich früh. Eine der Geschichten, die mein Vater mir in meiner Vorschulkindheit wiederholt erzählt hat, war die des Sohnes einer der wenigen Freunde oder eher Bekannten, die meine Eltern hatten. Der Stiefvater des Jungen hätte diesem ein Motorrad geschenkt und der Junge hätte das Motorrad zerlegt und „entsorgt“, unter anderem wohl in ein Gully.

Es ist bezeichnend, dass ich mir diese im doppeltem Sinne Erzählung gemerkt habe. Das Erzählen erfolgte in einem mir wohlbekanntem Ton. Hier wollte mir mein Vater mitteilen, wie er sich mich wünschte. Damals hatte ich noch nicht aufgegeben, mich darum zu bemühen, diesem seinem Wunschbild zu entsprechen. Später habe ich begriffen, dass das ohnehin nicht möglich gewesen wäre.

Dies war jedoch vor allem eine der Situationen, in denen der seelische Mechanismus wirkte, den die Mitglieder des Freudeskreises Anna Lyse double bind nennen. Natürlich habe ich versucht, den überdeutlichen Erwartungen meines Vaters zu entsprechen, die er zum Beispiel in solchen wiederholt dargebotenen Heldensagen transportierte. Aber wenn ich mich auch nur in kläglichen Ansätzen bemühte, ein ähnlich toller Hecht zu werden wie etwa der in der Erzählung meines Vaters dargestellte Stiefsohn, dann wurde ich von diesem Vater des Öfteren, seine Worte, windelweich geprügelt.

Kurzum war der sogenannte ödipale Konflikt längst Thema, bevor ich den Begriff auch nur irgendwo hätte aufschnappen können, was in der DDR ohnehin für Ottilie Normalverbraucherin schwer möglich war. In diesem Kontext gibt es noch eine überaus bezeichnende kleine Geschichte, zu deren „Deutung“ keine psychoanalytische Vorbildung notwendig scheint. Etwa 1986 begegnete ich meinem Vater völlig unerwartet in der Schönhauser in Big B und ebenso unerwartet drückte er mir einen Hunni in die Hand. Das war in der DDR eine Menge Geld. Ich habe für meine damalige Wohnung 18 Mark im Monat bezahlt. Okay, die sollte eigentlich nicht mehr vermietet werden, hatte Außenklo und ’ne nicht beheizbare Küche, aber trotzdem.

Mit diesem Hunni bin ich in die nächste Buchhandlung gegangen, fünf Minuten Fußweg entfernt, und habe mir „Fachliteratur“ gekauft… Muahaha. Es müssen mehrere Bücher gewesen sein, ich habe über 70 Mark abgedrückt.

Das am Rande! – Was hat das bis hierher Dargelegte mit der Überschrift bzw. Headline zu tun?

Der Gedanke geht auch schon sehr lange in mir um – Freud war in gewissem Sinn und Maß das Kind eines „Vertriebenen“. Gleich an dieser Stelle muss ich wieder sarkastisch darauf verweisen, dass Größenwahn bei mir störungsspezifisch ist.*

Das Setting der frühen oder klassischen Analyse, oder wie auch immer man dieses zu Recht legendäre Arrangement nennen mag, könnte Ergebnis von Umdeutung gewesen sein. Freud könnte aus seiner aus diesen Herkunftsverhältnissen resultierenden gewissen „Identitätsschwäche“ etwas gemacht haben, indem er sie als unbestimmtes Verhalten kultivierte, das Übertragungen provozierte, durch die die Problematik der Klienten sichtbar und bearbeitbar wird usw.

Dieses unbestimmte Verhalten kenne ich aber nicht nur von Freud, sondern auch von Fred. Des Weiteren bin ich seit vielen Jahren, ob ich will oder nicht, Zielobjekt und Container von Übertragungen. Dies in weitaus höherem Maße, als dergleichen ohnehin im „normalem“ Alltag stattfindet, was kaum wer wahrhaben will, weil das ja alles Züchoquatsch ist.

So. – Das kann man doch alles viel knapper ausdrücken, Herr Koske!

Kann ich nicht. Will ich auch nicht! Basta!

* Ist das Größenwahnsinn? Ich weiß auch nicht… Es scheint mir jedenfalls ein interessanter Gedanke, den ich, wie gesagt, schon lange einmal notieren wollte. Hiermit hätte ich nun, bla!

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