… m a n c h e  kommen ins Freie…

Ungers Buch habe ich gestern, bzw. bis heute Nacht, am Stück gelesen. Dass ich es gelesen habe, wie manche Leser schier hypnotisiert über einem Super-Thriller hocken, muss ich eigentlich nicht erwähnen. Bei der Lektüre musste ich auch wieder an Andreas Altmann denken. – Der Druck war groß genug, weshalb ihnen die Befreiung von Unterdrückung gelungen ist?! Unger ist jetzt Künstler und erfolgreich, auch oder gerade in dem Sinn, dass er, Klischee-Alarm, von der Kunst leben kann.

Das Buch ist eine weitere Bestätigung etlicher meiner Wahrnehmungsmuster. Natürlich ist mir klar, dass man, hat man erst einmal hinreichend zur Erklärung der sogenannten Wirklichkeit brauchbare solcher Muster entwickelt, immer das Passende findet.

Trotzdem und erst recht – auch im freien Westen das gewohnte und erwartete Bild. Wohlstand, Aufschwung, Wirtschaftswunder usw., und psychisches Elend bis zum Abwinken, das nirgends verbalisiert, ja, meist gar nicht reflektiert wird. Eine Literaturwissenschaftlerin (!) der DDR hat in diesem Kontext die Formulierung „intimes Elend“ verwendet. Aber das ist alles Psycho-Club und kann daher vernachlässigt werden…

In „Kriegskinder und Kriegsenkel in der Psychotherapie“ zitiert die Autorin Luise Reddemann eine Frau H., die sich mit 70 (!) aus ihrem seelischem Elend eines Kriegskindes befreit hat.

Noch ist es nicht zu spät!
Nicht zu spät zu lachen
Nicht zu spät, wieder zu singen
Und zu tanzen
und es sogar noch zu erlernen.
Nicht zu spät, dem Leben mit spielerischer Leichtigkeit zu
begegnen.
Nicht zu spät, dankbar zu sein.
Nicht zu spät für neue Freunde
Nicht zu spät,
jedem Tag mit offenem Herzen zu begegnen.*
(Fettdruck von Koske)

Hier fällt mir mein märchenhaftes Stiefmütterchen ein, das immer wieder giftete, der würde sich über gar nichts mehr freuen. Meine Anhedonie, einerseits Symptom meiner Störung, andererseits Ergebnis und Ausdruck unbewusster Weitergabe unbewältigter Traumata durch wahrscheinlich nicht nur Vater und Mutter, sondern durch weitere Vorfahren, machte mich noch zur Zielscheibe.

Bla. – „Spielerische Leichtigkeit“? Ich weiß ja nicht… Darf man denn das? Das geht nicht gut, das geht nicht gut!!!

Immer wieder denke ich, dass noch nie lange genug Frieden war, um derartigen Psycho-Scheiß, ist doch wahr, Mann, soll lieber arbeiten gehen, der Penner**, überhaupt in den Fokus öffentlichen Disputs zu bringen. Immer wieder wurde schon nach kurzer Zeit die materielle Basis im wörtlichem und im übertragenem Sinne zertrümmert, und alles ging von vorn los, mit ’ner anderen Fassadenfarbe und anderem Führungspersonal

PS: Ich habe dieses Buch sehr wohl wahrgenommen, in gewissem Sinn ein Versuch „kathartischer Aufhebung“ des eben oben Angedeuteten, und ich werde natürlich auch dieses Buch lesen.

** Luise Reddemann, „Kriegskinder und Kriegsenkel in der Psychotherapie“, Klett-Cotta, Stuttgart, 5., erweiterte Auflage, Seite 175. – Das Buch kann ich nur „in kleinen Happen“ lesen, anders geht es nicht.
** Nee, den nächsten Erschöpfungszustand überstehe ich nicht mehr ohne „Banner der Arbeit“. Aharhar! Lustich!

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