„Wie man wird, was man ist“

Die Autobiografie von Irvin D. Yalom habe ich gestern in einer Stadtteilbibliothek im Vorübergehen, fast nur aus den Augenwinkeln wahrgenommen, und dann gab es zu meiner Überraschung einen Ruck, sorry, Herr Herzog, und ich habe mich fast drauf gestürzt, und siehe, es ward gut. Nein, hier keine Textbausteine; „einer der bekanntesten Therapeuten“, „lange erwartetes Buch“ usw. usf. Vielmehr der Hinweis auf einen weiteren von mir bemerkten Ruck.

Yalom weist immer wieder darauf hin, was vermutlich nicht nur mich verblüfft hat, dass er als junger Mann zurückhaltend, schüchtern, ja, trotz objektiv hervorragender Leistungen chronisch selbstunsicher gewesen wäre. Wer Therapeut werden will, muss Gründe haben, sonst würde er ja was Vernünftiges machen wie Gynäkologe oder Zahnarzt.

Aber dann kommt ein Sprung! Schon beim Eintreffen auf einer Party, auf die er als Jugendlicher gar nicht gehen will, sondern auf die er „gezogen“ wird von einem Freund, begeht er einen Regelbruch im persönlichem und im überpersönlichem Sinn, indem er diesem Freund auf die überfüllte Party folgt – durch ein zunächst verriegeltes Fenster. Genau, dergleichen ist es, was ich nie hatte, heule, heule, heule, aber es geht hier – „Hört! Hört!“ – nicht um mich.

„Nun war ich, wie gesagt, grundsätzlich sehr schüchtern, aber an jenem Abend war ich über mich selber erstaunt, und statt mich umzudrehen und durch das Fenster wieder zu verschwinden, drängte ich mich durch die Menge und schlug mich zur Gastgeberin durch. Als ich zu ihr gelangte, hatte ich keine Ahnung, was ich sagen sollte, und platzte einfach heraus: ‚Hi, ich bin Irv Yalom, und ich bin gerade durch euer Fenster geklettert.'“
Irvin D. Yalom, „Wie man wird, was man ist“, btb-Verlag 2017, Seite 84

Das war – die Wende

Erklärtermaßen wurde die Gastgeberin im mehrfachem Sinne der Mensch seines Lebens. Er ist mit ihr seit seinem 15. Lebensjahr zusammen und seit Jahrzehnten mit ihr produktiv verheiratet.

Ja, auch das gibt es in dieser unserer postmodernen Unübersichtlichkeit, oder wie hier der passende Textbaustein heißt.

Ich muss an eine Erzählung denken, in der die Autorin, im Hauptberuf, Überraschung, Psychologin, über ihre Heldin sinngemäß sagt, die wäre einmal, für einen Moment, ganz anders gewesen als sonst, im konstruktivem Sinne, versteht sich, und damit hätte sich ihr Leben geändert.

Genau, das ist die Schwelle, über die ich nicht drüber komme, heule, heule, heule, aber es geht hier – „Hört! Hört!“ – nicht um mich.* Genau das wurde mir 1986 erlebt, nur nicht im schützendem Setting einer therapeutischen Beziehung, sondern schutzlos preisgegeben. „Hat die Kennung verloren, der Typ, hähä!“, O-Ton unsere sozialistischen Menschen. Es war alles so kuschlig-menschlich damals unter unseren sozialistischen Menschen, ja ja, und wers glaubt, wird nich‘ mal selig.

Aber mir fällt auf, dass dieser Sprung über die Kante der „Technik“, bitte Anführungsstriche beachten, des genialen Milton Erickson zu entsprechen scheint, der auf diese Weise seine Klienten aus der Spur brachte, sie rockte. Mir würde dergleichen jedoch nicht auffallen, wenn mir dergleichen im Kontext von Therapie nicht schon mehrfach aufgefallen wäre; entscheidende Wendungen, die sich vollziehen, wenn wer gewissermaßen außerhalb seines Gesichtsfeldes zu agieren wagt.

Ein eher „harmloses“ Beispiel wäre hier der bösartig geniale Aphorismus von Kraus, Psychoanalyse wäre die Krankheit, für deren Therapie sie sich halten würde. Kraus nimmt hier genau jenes paradoxe Interventieren vorweg, das erst Jahrzehnte später im Fokus der Therapeuten verschiedener Schulen und Richtungen stehen würde. Und so weiter.

(… wie mehrfach bemerkt, halte ich mich nicht für Gott – ich bin die Krankheitsvertretung… allein – wer supervidiert die Supervisoren… böse, böse…)

(… der ist so was von arrogant und größenwahnsinnig, der Koske… merkt nicht, dass er eifersüchtig ist, merkt der nicht… furchtbar, der Typ…)

(… die Leute, die behaupteten, ich würde mich für einen Therapeuten halten, haben unter anderem damit oft bewiesen, dass sie einen brauchen könnten… auch paradoxe Dingsbums… hähä…)

(… man muss das doch mal aussprechen dürfen…)

* Bei mir ist auch nichts mehr zu machen, ich bin quasi jenseits von Erfolg und Misserfolg. Aber dann ist es eben so, und es ist okay. Basta!

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