D a s  menschliche Paradoxon – man kann nicht mit Denken sein Geld verdienen*

Diese Doktorarbeit hat sie mit 22 geschrieben, schämen Sie sich, Herr Koske! – Allein, das tue ich fast ständig, und was sollte ich tun ohne meine Schuldgefühle, aber ich muss zwischendurch etwas essen usw.

Immer wieder bin ich überrascht, feststellen zu können, dass ich doch noch nicht ganz geistig tot zu sein scheine, dass es immer wieder auch für mich als Universal-Marginal-Person Momente mentalen angeregt Werdens, wenn nicht aufgewühlt Seins gibt. Es scheinen in diesen Augenblicken Antworten auf Fragen möglich, nach denen zu suchen ich schon derart lange aufgegeben habe, und zwar im Unbewusstem, dass ich die Fragen verdrängt, wenn nicht vergessen habe.

Zu der immer kleinen Zahl der „Gleichen“ […]** zu gehören bedeutete dort, dass man unter Ebenbürtigen sein Leben zubringen durfte, was an und für sich bereits einem Privileg gleichkam; aber die Polis, also der öffentliche Raum selbst, war der Ort des heftigsten und unerbittlichsten Wettstreits, in dem ein jeder sich dauernd vor allen anderen auszeichnen musste, durch Hervorragendes in Tat, Wort und Leistung zu beweisen hatte, dass er als ein „Bester“ […]** lebte. Mit anderen Worten, der öffentliche Raum war gerade dem Nicht-Durchschnittlichem vorbehalten, in ihm sollte ein jeder zeigen können, wodurch er über das Durchschnittliche hinausragte.
 
Hannah Arendt, „Vita activa oder Vom tätigem Leben“, Piper München/Berlin, ungekürzte Taschenbuchausgabe (TB 217), April 1981, S. 52/53

Mehrere Gedanken zum Thema schlurfen durch meine Gehirngänge. Sie schlurfen, das Alter, und zwar auch schon wieder seit etlichen Jahren.

Zunächst muss ich, wieder einmal, an Sloterdijks Text „Scheintod im Denken“ denken, in dem er sich unter anderem auf Frau Arendt bezieht. Ich kann jetzt nicht nachsehen, weil ich das gute Stück verliehen habe an einen möglicherweise den Inhalt dieser Schrift betreffend Bedürftigen.

Mir schien bereits vor zehn Jahren, und man muss das doch mal aussprechen dürfen, dass das Internet eine Wiederkehr dieser mindestens interessanten Polis auf höherer Stufe sein könnte, in der alle zu Wort kommen können und, äh… sehr viele sich zu Wort melden, unabhängig von gesellschaftlicher Stellung, beruflichem Status, Bildungsstand usw. D. h., auch die „Sklaven“ können sprechen, und das tun sie ausgiebig, siehe diese hier getätigte Niederschrift bzw. Niedertippe. Aber es wird nicht klar, jedenfalls mir nicht, ob dies zur Nivellierung der Kultur führt oder zu einer Art unvermuteter Demokratisierung jenseits des Ökonomischen und Ideologischen.

Des Weiteren schien mir, dass das Problem, diese Polis für alle zu ermöglichen und „die menschlichen Grundtätigkeiten […] Arbeiten, Herstellen“ (ebd., S. 16) sicherzustellen, und zwar ohne Unfreie und Sklaven usw., durch die Robotertechnik möglich werden könnte.

Schließlich musste ich an einen Clip bei YouTube denken, der auf den ersten Blick nichts mit dem hier in der typischen Manier eines Viertelgebildeten nur angerissenem Thema zu tun hat, mit dessen Erwähnung ich mich jedoch direkt auf das oben angebrachte Zitat zu beziehen glaube.

Zwei Jugendliche, vielleicht vierzehn Jahre alt, führten ihr Kunststück vor, das darin bestand, leere Cola-Büchsen hinter sich zu werfen, also ohne hinzusehen, über eine beträchtliche Entfernung in einen Papierkorb hinein. Es war ein kleines Kunststück, aber es gibt mit Sicherheit Etliche, die sich fragen würden, was das denn solle, ob diese, *würg*, Jugend von heute nichts zu tun hätte und vor allem nichts Besseres usw. usw. usf. Die ganze unwohl bekannte Leier, die ich hier nicht ausführlich herunter leiern muss und will und werde.

Stimmt alles nicht, besitze ich die Arroganz zu behaupten! Erstens ist dies ein Versuch, etwas, siehe eben oben, „Nicht-Durchschnittliches“ zu leisten, und zwar in einem Raum, der an eine Polis zumindest erinnert. Den infolge anhaltenden Monologs meinerseits gar nicht erfolgenden Vorwurf, das wären doch aber lächerliche, weil vor allem unnütze Spielerchen, könnte ich kontern mit dem Verweis auf eine Erkenntnis der Gehirnforschung. Das Gehirn würde derartige Überschreitungen des Mittelmaßes neurostrukturell speichern in der Art, dass sich diese Erfahrung der Grenzüberschreitung in Richtung eines Überdurchschnittlichen auf andere Kontexte des Lebens übertragen ließe.

Die Doktoren Anna Lyse und Freudlos aber würden jetzt sagen, diese hier ausgeführten Ausführungen wären Ausdruck meiner Unfähigkeit zu trauern. Ich hätte mich selbst um meine Jugend, sorry, beschissen, indem ich am Beginn meiner körperlichen Pubertät diese innere Kündigung praktiziert hätte und zwar besonders wirkungsvoll, weil unbewusst, weswegen ich nun Jugend nachholen wolle usw. Tonio Kröger lungert als Mitglied des „Ordens der gramvoll beiseite Stehenden“, Arnold Zweig über die frühen Figuren Thomas Manns, unwirsch und ungelenk im Gang herum und wartet darauf, und natürlich vergeblich, im mehrfachem Sinne zurück und herein geholt zu werden usf… – Das würde schon deshalb nichts bringen, weil ich, wenn jemand käme, ihn, oder sie, ha, ohnehin weg knallen würde… Das ist was ganz Altes, bringen Sie das in die Gruppe, bla.

So weit wieder das Wort zum Sonntag vom unterem Rand der Gesellschaft – häff fann!

PS: Aktuelle Rückmeldung per Mental-Funk, kam auch schon heute früh: ‚Straßenfeger!‘. Ich verstehe das! Ich verstehe bekanntlich überhaupt alles, was sich gegen mich richtet, ach herrje. Ich hatte drei Jahre Zeit zu schreiben usw. Man gewährte noch einmal ein Moratorium, und jetzt ist Schluss mit lustig und Pumpe und Schicht im Schacht. Man „nagelt mich fest“ auf das, was ich tatsächlich tue, eben zum Beispiel regelmäßig unten fegen und Müllchen aufsammeln. Das leuchtet ein, denn darum geht es auch immer in den „Traumprüfungen“, deren Pendants in der sogenannten Realität ich sogar hin und wieder wahrnehme. Es geht um das Erzeugen einer Bindung an eine Person oder eine (Werk-)Tätigkeit. Ich wiederhole mich zum wiederholtem Male, wenn ich behaupte, das wäre eine komische „Psychose“. Immer wieder frage ich mich, wer da zugange wäre und wie und warum, bla.

** Auch in diesem Zusammenhang habe ich natürlich eine Wachphantasie – schon wieder selbst reingelegt, denn ich habe ja keine Phantasie, hihi. Sie erinnert zugegebenermaßen an „Minority Report“ und überhaupt an Meister Dick. Ein Computer durchsucht die Gedanken aller Menschen und filtert alles heraus, was für Produktion und Konsumtion und überhaupt Sicherung des alltäglichen menschlichen Lebens sinnvoll sein könnte und bei ihrer erfolgreichen Realisierung werden die gedanklichen Entwürfe bezahlt. Ja ja, ich bin ein Mankurt, schon gut bzw. schon schlecht. Eine SF-Story, gewiss – und warum schreibt Herr Koske sie nicht? Nein, es ist nicht nur Faulheit!
** Ich kann kein Griechisch, „Dann wird es aber Zeit, Herr Koske!“, vielmehr ich aus dem Osten komme und wir dort ohnehin zu wenig Buchstaben hatten. Alles dafür in Frage Kommende wurde für Devisen exportiert, wir berichteten mehrfach.

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