Schulzeit

Vor mir ist ein riesiger Berg Brei, durch den ich mich hindurch fressen muss. Unzählige neue Aufgaben erwarten mich und wenn ich sie gewissenhaft erfülle, kann ich dann irgendwann wieder in den alten Zustand zurück. Erst muss ich die vielen Pflichten erfüllen, dann komme ich wieder frei.

Mit anderen Worten – ich komme zur Schule. Ich sehe sozusagen nur Schnappschüsse aus dieser Zeit. Fotoposen für das obligatorische Familienbild mit Zuckertüte vor dem Denkmal im Zentrum der Stadt. Meine erste Schule ist gleich daneben. Das Gebäude hat etwas Repräsentatives, ja Prachtvolles. Es erinnert mich immer wieder an die antiken Gebäude in Büchern über das Alte Griechenland. Der weitläufige Gebäudekomplex steht vor meinem geistigem Auge strahlend weiß in der Sonne wie ein Tempel auf einem Hügel am Mittelmeer.

Von meinen Mitschülern nehme ich nur wenig wahr. Mein Vater erwähnt mehrfach meine Banknachbarin. Er hat dabei wieder diesen Unterton in der Stimme, der auf geheimnisvolle Hintergründe verweist. Ich finde das Mädchen sehr hübsch, behalte das aber für mich. Ich versuche ein paar Mal Kontakt zu ihr aufzunehmen, aber das Ergebnis entspricht nicht den Erwartungen, die die Andeutungen meines Vaters ausgelöst haben und ich lasse es.

Auf einen Mitschüler werde ich schnell aufmerksam. Seine Oberlippe und die Haut zwischen Oberlippe und Nase sind in der Weise verformt, wie man es bei operierter Hasenscharte beobachten kann. Ich kenne diese Vernarbungen aus Fotos in der Medizin-Enzyklopädie meines Vaters. Die Vernarbungen bei meinem Mitschüler rühren aber von einem Unfall. Er ist ein Treppengeländer herunter gerutscht und dabei aufs Gesicht gestürzt. Diese Szene male ich mir Wochen lang aus. Ich stelle mir immer wieder vor, wie ich den Jungen rette.

Die Klassenleiterin, die zugleich den größten Teil des Unterrichts übernimmt, hat eine freundlich-bestimmte Art, die mir Angst macht. Irgend etwas transportiert sie hinter oder zwischen ihren Worten, das ich kaum ertragen kann. Heute würde ich etwa von freundlicher emotionaler Annäherung sprechen. Schließlich macht die Frau mich wenige Wochen nach meiner Einschulung derart ängstlich und wütend, dass ich ihr meine Federtasche an den Kopf werfe. Mein Vater wird zu einer Aussprache in die Schule bestellt. Es passiert aber nichts! Meine deutliche Desintegration wird zwar angedeutet, unter anderem in der Zeugnisbeurteilung, ich werde in dieser Beurteilung aber auch gelobt, indem darauf verwiesen wird, dass ich trotz insgesamt zweimonatigen Fehlens den Lernstoff gut bewältigt hätte. Offensichtlich ist diese sachliche Leistung wichtiger als kaum erfolgte Integration in die Schulklasse.

***

Im Lesebuch ist eine Geschichte, die ich geradezu als Film vor meinem geistigem Auge sehe. Ein Junge etwa meines Alters, allerdings ca. hundert Jahre vor mir lebend, ist Gast auf einem großem Segelschiff. Bei gutem Wetter wird an einer Längsseite des Schiffes ein Segel in der Weise im Wasser ausgelegt, dass es als eine Art Kinderschwimmbecken dienen kann. Der Junge verlässt aber irgendwann diesen Schutzraum, schwimmt außerhalb des Segels und prompt wird vom Ausguck im Mastkorb ein Hai gemeldet. Dem Jungen passiert nichts, er erreicht das schützende Schiff, aber es knistert für einige Minuten beinahe vor Spannung, sowohl auf dem Schiff als auch beim Leser.

Ich weiß nicht mehr, ob ich gleich nach der Lektüre dieser Mini-Geschichte bemerke, dass der Autor Leo Tolstoi heißt. Fest steht, dass ich erst einige Jahre später einzuschätzen vermag, wer dieser Tolstoi ist. Fest steht aber auch, dass ich diese nur über etwa zwei Seiten erzählte Geschichte als im mehrfachem Sinne herausragend wahrnehme. Dabei ist ihre Sprache geradezu kindgerecht, journalistisch karg und knapp.

Aber die Lektüre löst etwas aus, das ich nicht recht erklären kann. Vor allem erstehen diese Bilder im Kopf, was bei vielen anderen Lesestücken nicht passiert. Manche Lesestücke finde ich lustig, beispielsweise das zur Einführung des Buchstabens „U“. Ich amüsiere mich mit Mitschülern über Formulierungen wie „Uli an der Ulme“.

Diese kleine Geschichte, wohl gar nicht als abgeschlossene Story veröffentlicht, sondern Bestandteil eines größeren Textes, scheint etwas hinter oder zwischen den Worten auszustrahlen, das sich mit Worten schwer ausdrücken lässt.

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Die zweite Klasse beginne ich in in einer neuen Klasse und in einer neuen Schule. Die Klassenleiterin wirkt erst etwas irritiert und dann amüsiert, weil ich an ihren Lippen zu hängen scheine. In Wahrheit bin ich fasziniert von einer harmlosen kleinen Neubildung auf ihrer linken Wange. Sie hat dort eine mehrere Millimeter große Warze, aus der ein etwa streichholzlanges Haar wächst. Ich bin wie hypnotisiert von diesem Haar, was offenbar den Eindruck angestrengter Aufmerksamkeit erweckt.

Ich würde mich bei dieser Lehrerin aber auch ohne dieses markante Detail um Aufmerksamkeit bemühen. Sie ist ein Rubens-Typ, füllig und resolut. Diese Art Frauen löst in mir leise Angst aus. Womöglich hat diese Angst aber nichts mit der Körperlichkeit zu tun, sondern damit, was von dieser Frau zu mir herüber kommt. Die Frau ist streng und fordernd, aber sie nimmt mich auf eine Art ernst, die ich wiederum nicht in Worten erfassen kann und die mir unheimlich ist.

In einer der ersten Stunden der zweiten Klasse üben wir den Gebrauch des Hausaufgabenheftes. Wieder spüre ich diesen Drang, alle Aufträge so schnell und korrekt wie möglich auszuführen, bevor sie von Erwachsenen überhaupt zu Ende formuliert oder erläutert worden sind. Das gelingt mir auch sehr häufig. Ich tue das aber weniger, um mit meiner Leistung zu glänzen, sondern, um in Ruhe gelassen zu werden. Mit heutigem Ausdrucksvermögen gesagt, nutze ich das möglichst perfekte Funktionieren auf der Sachebene, um der Beziehungsebene auszuweichen. Desto schneller und besser ich die Aufgabe erledige, desto weniger wird mir jemand auf die Pelle rücken, wie eine Lieblingsformulierung meines Vaters lautet.

Wir beginnen mit der Beschriftung des Etikettes auf der ersten Umschlagseite des Hausaufgabenheftes. Sorgfältig fülle ich die Zeilen aus. Nach wenigen Minuten stelle ich verblüfft fest, dass ich nicht meinen Namen auf mein Hausaufgabenheft geschrieben habe, sondern den meiner Banknachbarin.

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Einmal komme ich in der zweiten Klasse zu spät in die Schule. Das Besondere in dieser Situation ist, dass auch mein Vater verschlafen hat. Er bringt mich deshalb zur Schule, womit ich sogar mündlich glaubwürdig entschuldigt bin, nicht nur durch die üblichen Zettelchen oder Einträge der Eltern ins Hausaufgabenheft. Ich bin ganz aus dem Häuschen, dass mein Vater mich beim Bewältigen einer Schwellensituation begleitet.

Ich bemerke durchaus, dass sich irgendwie alles anders anfühlt. Anstatt schuldbewusst in Hektik oder gar Panik zu verfallen, bin ich heiter-gelassen-entspannt. Dass die gleichartige Reaktion von Lehrern und Schülern sich aus dieser Ausstrahlung ergeben könnte, ist mir nicht klar. Auch hier wieder kann ich das psychische Geschehen nicht in Worte fassen.

Es gibt vor allem keinen Personenkreis, keine Ebene, kein Milieu, kein Forum usw., wo dergleichen wahrgenommen, verbalisiert und analysiert werden könnte. Es scheint sich um nebensächliche Abläufe zu handeln, die man der Regulierung im Selbstlauf überlässt, da sich das bewährt hat und man das schon immer so gemacht hat.

Eine Art Durchbruch, den ich auch als solchen wahrnehme, erlebe ich einige Monate später in der dritten Klasse. Meine Leistungen im Sportunterricht sind, milde formuliert, schwach. Dies weniger aus Unvermögen, sondern aus Gleichgültigkeit. Ich ärgere oder schäme mich darüber nicht mehr. Ich habe mich mit meinem Unvermögen abgefunden und lache selbst über die Bezeichnung „Bewegungsidiot“, die ein Sportlehrer später eher mitleidig als bösartig zwar nicht mir gegenüber verwendet, aber ganz offensichtlich auch auf mich zutreffend.

Ohne mir dessen bewusst werden zu können und zu wollen, erledige ich den Sportunterricht als eine leidige, aber nicht zu umgehende Pflichtübung, bei der ich nichts will als die Stunde herum zu bringen, weil mich das Gehampel und Gehetze nervt. Die Sportlehrer spüren das und scheinen sich umso mehr bemühen, mich im doppeltem Sinne auf Trab zu bringen.

Es geschieht etwas Seltsames, aber Erfreuliches, oder vielmehr gelingt es mir. Eine der Übungen, die nicht nur ich fürchte, sind sogenannte Dauerläufe, bei denen es nicht vorrangig um Geschwindigkeit geht, sondern ums Durchhalten. Wir müssen eine bestimmte Zeit in Bewegung bleiben, wobei durchaus die Zahl der absolvierten Runden in die Bewertung eingeht, aber vor allem der festgelegte Zeitraum in ununterbrochener Bewegung bewältigt werden muss. Ich kann selbst nicht sagen, ob ich dabei immer schlapp mache aus körperlicher Schwäche oder aus meiner arroganten Gleichgültigkeit heraus.

Jetzt drehe ich im Wortsinne meine Runden, 20 oder 30 Minuten lang, und halte nicht nur bis zum Schlusspfiff durch, sondern spüre deutlich, dass sich da drin etwas löst, dass ich symbolisch über eine Hürde komme, dass ich über einen toten Punkt hinweg im übertragenem Sinn ins Freie gelange. Ich bin selbst verwundert darüber und kann es mir nicht erklären. Etwas wie lautloser Jubel steigt in mir hoch. Ich kann so was ja doch, es grenzt an ein Wunder! Mir scheint zudem, dass meine Füße mich immer weiter über die Rasenfläche westlich der Sporthalle tragen könnten.

Sowohl die Reaktionen einiger Mitschüler als auch und vor allem die des Lehrers bestätigen meine Empfindungen. Der bewältigten Rundenanzahl nach bin ich dicht an der Note Eins vorbei gelaufen, aber selbst die unter überrascht lobenden Worten erteilte Zwei plus ist für mich etwas Außerordentliches nicht nur bei Laufübungen, sondern im Sportunterricht überhaupt.

Was ist geschehen? – Zunächst ist die familiäre Atmosphäre geradezu verdächtig entspannt. Die Drohung mit Scheidung hängt wie ein Damokles-Schwert im Raum, so weit ich zurück denken kann. Ich bin der Einsatz in dem endlosem Spiel mit der Frage, wer das Kind zugesprochen bekommt, bei dem natürlich mein Narzissmus ungut gefüttert wird. Nun ist die Scheidung endlich vollzogen und die Reaktionen müssen auf den ersten Blick paradox erscheinen. Alle sind erleichtert, entspannt, ja, heiter gelöst, sowohl Mutter und Vater als auch ich. Das ist nicht nur meine Wahrnehmung, vielmehr dieser Eindruck von etlichen Außenstehenden mehr oder weniger deutlich bestätigt wird. Irgendwer äußert gar sinngemäß, dass man doch jetzt zusammen leben könnte. Jetzt scheint Familienleben möglich ohne ständiges gedrückt und getrieben Sein von Spannung, Angst, dumpfem Unbehagen und aggressiv gereiztem sitzen Bleiben auf einem immer größer werdendem Berg von Unausgesprochenem.

Erst bei meinem drittem Therapieversuch, fast dreißig Jahre später, wird mir das Vokabular zur Verfügung gestellt, der Zeichenvorrat, um dieses innere Erleben zu benennen. Es werden die Beziehungen geklärt, es ist Abgrenzung erreicht – und damit überhaupt echter Kontakt. In der Tat könnte jetzt wirkliches Familienleben beginnen, aber die Familie ist in Auflösung. Zudem sind diese seelischen Tatsachen offenbar nebensächlich und im Sinne des Wortes nicht der Rede wert.

Dann ist da diese Horterzieherin. Da meine Mutter, nach wie vor Hausfrau, bald aus der Wohnung ausziehen wird, soll ich den Schulhort besuchen, aber meine zweite Klasse ist nicht in den Schulhort eingebunden. Deshalb wechsele ich zu Beginn der dritten Klasse zum drittem Mal in meiner Schulzeit das Klassenkollektiv, dieses Mal aber nicht die Schule.

Die Horterzieherin ist eine richtige dicke Mama. Sie hat nie etwas von nachholender Ich-Entwicklung oder Nachbeelterung gehört, praktiziert diese aber erfolgreich. Auch dieses Erleben kann ich natürlich erst viele Jahre später benennen, nichtsdestoweniger es deutlich wirksam ist, und deutlich nicht nur für mich. Insbesondere Erwachsene scheinen wahrzunehmen, und sprechen es auch aus, dass ich aufgewacht bin. Mein Stiefbruder bestätigt mein Empfinden indirekt und ohne, dass ich die Rede darauf bringe, als er sieben Jahre nach mir bei dieser Frau im Hort ist und mir davon erzählt. Sie kann sich deutlich an mich erinnern, obwohl sie hunderte Kinder nach mir betreut hat und ich völlig aus ihrem Gesichtskreis verschwunden bin, weil ab der vierten Klasse neuerlich an einer anderen Schule.

Ich bin da und ich bleibe es fast ständig – es lohnt sich zum erstem Mal! Ich spüre etwas wie zaghafte Neugier auf Klassen- und Altersgenossen und überhaupt auf Menschen, freue mich auf gemeinsam absolvierte Abläufe des Schulbetriebs und kann es kaum erwarten, unterbrochene Spiele wieder aufzunehmen.

Diese paar Monate der dritten Klasse, insbesondere der Sommer 1971, sind die Hoch-Zeit meines Lebens. Einige Monate fast ohne Druck und Angst und Schuldgefühle, erfüllt von Lebensfreude zumindest in immer wieder erlebten stürmischen Aufwallungen. Derart leicht und frei kann sich Leben offenbar anfühlen! Man fühlt sich berechtigt zur Anwesenheit in der Welt und unter seinen Alters- und Zeitgenossen, ohne darüber nachdenken oder daran zweifeln zu müssen und immer wieder zwanghaft bei sich selbst die Schuld zu suchen für die drückende Atmosphäre.

***

Die Gruppe, in die ich durch den neuerlichen Wechsel an eine andere Schule in der vierten Klasse komme, ist diejenige, in der ich am längsten in meinem Leben bleibe, bis zum Abschluss des ersten Halbjahrs der zehnten Klasse.

Eigentlich machen wir nichts zusammen. Auch das wird mir natürlich erst sehr viel später klar, aber ich spüre durchaus eine Art leises Unbehagen während unserer Aktionen. Gemeinsame Unternehmungen sind zwar in gewissem Sinn und Maß Abenteuer, aber die stinken alle ab gegen das, was ich aus Büchern kenne. Ein Ausschnitt aus „Tom Sawyers“ steht sogar in einem Schullesebuch, weswegen ich ausnahmsweise ein wirkliches Jugendbuch lese. Was da los ist – Wahnsinn! Es geht dabei nicht nur um die natürliche Diskrepanz von Dichtung und Wahrheit, die mir durchaus bewusst ist. Irgend etwas stimmt bei uns nicht. Es fehlt etwas, unsere Abenteuer sind gewissermaßen abgebremst, sie bleiben in Ansätzen und Fragmenten stecken, und es kommt vor allem nichts Vernünftiges dabei heraus. Wir bekommen nicht einmal eine Waldhütte oder einen Hochstand auf einem Baum oder dergleichen zustande.

Auch mein Vater erörtert das Thema, in diesem mir unwohl vertrautem Ton, als verkünde er besonders tiefe Weisheiten. Meist steht er dabei statuenhaft irgendwo in der Wohnung herum, als würde das Vorhaben, das er entschlossen ins Auge gefasst hat, bereits im Ansatz abgewürgt durch einen schwerwiegenden Gedanken, der blitzartig über ihn kommt und die Nichtigkeit allen irdischen Bemühens als eine Art Schnappschuss vor seinem innerem Auge anzeigt wie die Leuchtschrift einer Reklamezeile.

Ich merke immer sehr gut, wenn es ihn packt. Es sind Augenblicke, in denen er alle Arbeiten erledigt hat, für die er sich im Haushalt verantwortlich fühlt, worauf ihn dann eine Art Vakuum zu ängstigen scheint. Er gebärdet sich wie einer der Philosophen oder Künstler in den Fernsehfilmen, in denen gezeigt werden soll, wie diese großen Menschen von der Inspiration erfüllt oder vom Heraufdämmern eines Konzeptes ihrer augenblicklichen Aufgabe gequält werden.

Mein Vater wird ruhelos und verbreitet offenbar von quälendem Nachdenken verursachte Spannung. Er läuft nervös durch die Wohnung, entwickelt einen immer missmutigeren Gesichtsausdruck und murmelt zuweilen mit wehmütig und resigniert gedämpfter Stimme etwas wie „Tja…“ oder „Na ja… „ oder „Ja, so ist das…“ Aus diesen seufzend gemurmelten Wortgruppen höre ich die Aufforderung heraus, nun die Rolle einer Art Beichtvater zu übernehmen, an den sich die Überlegungen richten könnten, aus denen heraus er seine verzagten Seufzer zelebriert. Es ist dies meine liebste Rolle im von ausschließlich unsichtbaren Regisseuren inszenierten Theater des Familienalltags.

Ich liebe diese Augenblicke. Mein Vater ist im weitestem Sinne ansprechbar. Aber nicht nur das. Ich nehme die Wohnung gewissermaßen mit anderen Augen wahr. Unausgesprochen habe ich mich daran gewöhnt, dass sie im Grunde gar nicht zur Benutzung gedacht und geeignet ist, sondern eine Art Dauerausstellung zum Thema „Wie wir es trotz widrigster Ausgangsbedingungen geschafft haben“, die für diese unsichtbaren Regisseure aufgebaut ist. Jetzt kann ich einige Augenblicke lang das Empfinden zulassen, dass dies auch meine Wohnung ist. Ein anderes Lebensgefühl als das, an das ich mich derart gewöhnt habe, dass ich es gar nicht mehr wahrnehme, deutet sich zumindest an. Es ist immer, als wäre kurz und einen Spalt breit eine Tür zu einer anderen Welt geöffnet worden, in der noch gar nicht abzusehende Empfindungen, Erlebnisse und Handlungen möglich scheinen, mit denen man den Aufenthalt auf dieser Welt ausfüllen könnte, wenn… – Ja, wenn was?

Ich beeile mich in diesen Viertelstunden, mit der lautlosen Beflissenheit eines guten Dieners gewissermaßen zum Schatten meines Vaters zu werden und im richtigem Augenblick Laut zu geben. Nichts leichter als dies, habe ich es doch über Jahre hinweg geübt, quasi in meinen Vater hinein zu hören. Ich muss das tun, um meine Angriffsfläche so klein wie möglich zu halten.

Es ist gleichgültig, welches Thema ich in diesen Augenblicken anspreche. Ich kann in der kurzen und knappen Manier, die mein Vater immer wieder einfordert, eine Episode aus meinem Schulalltag andeuten, auf einen Zeitungsartikel eingehen, der mich gefesselt hat, oder mit scheinbarem Einverständnis auf eine Person des häuslichen Umfelds anspielen, die meine Eltern unlängst durchgehechelt haben. Ich sage dann etwa mit leicht gequältem Grinsen: „Der X. ist mit seinen neuen Majors-Schulterstücken schon wieder dreimal sinnlos um den Wohnblock gewandert, chch!“

Eine Antwort meines Vaters ist mir dann immer sicher. Es bricht förmlich aus ihm heraus. Meist steht er im Wohnzimmer ein paar Schritte vom Fenster entfernt, was mich deshalb insgeheim belustigt, weil der Begriff „Gardinenpredigt“ hier wörtlich zutreffend scheint. Sein Gesicht ist düster und entschlossen, während er spannt, als wäre er gezwungen, schicksalhaft tragische Ereignisse, die sich auf der Straße abspielen, mit wer weiß wie viel Verständnis, aber hilflos handlungsunfähig anzusehen. Manchmal ist seine Mimik derart zwingend, dass ich gleichfalls aus dem Fenster sehe, um dann festzustellen, dass kein Mensch zu sehen ist und nichts Aufregendes sich abspielt.

Es ist großartig! So stelle ich mir einen besessenen Wissenschaftler vor, der um die abschließende Formel seiner in langer harter Arbeit erstellten Theorie ringt. So etwa muss Schiller wie in Thomas Manns Novelle „Schwere Stunde“ auf die Wände seiner kargen Klause gestiert haben, als er von der Notwendigkeit gepeinigt wird, gewaltig andrängende Stoffmassen zu einem Werk zu ordnen.

An einem Sommertag in meinem neuntem Lebensjahr tollen wir Kinder während eines Platzregens draußen herum. Es gießt wie aus Kannen und an den Straßenkanten strömen wie Sturzbäche enorme Wassermassen entlang. Über dem Gully an der Straßenecke neben unserem Hausaufgang bildet sich eine riesige Pfütze, die auch Stunden nach dem Regenschauer noch da ist.

Wir laufen in Badehosen- und Anzügen durch den Regen, d. h., ich laufe, die anderen Kinder springen und tanzen und schreien und jauchzen. Aber immerhin – ich bin dabei! Die Straßen sind leer und auch die Häuser scheinen unbewohnt, weil kaum ein Fenster geöffnet ist und natürlich erst recht niemand aus dem Fenster sieht. Es ist, als hätten wir die Stadt für uns. Nur gelegentlich kämpft sich ein Auto durch die Wassermassen und die Fahrer müssen lächeln, wenn sie uns sehen. Die Unfreundlichkeit des natürlichen Ereignisses, gegen das nichts auszurichten ist, scheint Menschen miteinander zu verbinden oder zumindest aufeinander aufmerksam werden zu lassen, die sich sonst kaum beachtet hätten.

Es ist dies eines der wenigen Erlebnisse während meiner Kindheit, bei denen ich unbeschwert und ausgelassen auf kindliche Weise einfach mein Dasein genieße. Vor allem deshalb habe ich es mir wahrscheinlich auch gemerkt. Meist habe ich bei solchen Erlebnissen heftige Schuldgefühle und erwarte Bestrafung.

Als ich nun meinem Vater gegenüber scheu und drucksend dieses Erlebnis andeute, während er wieder einmal die Maschen der Gardine zu zählen scheint, erklärt er in elegisch getragenem Ton, Regen wäre nicht gleich Regen. Was heutzutage auf uns herab käme, wäre endloses Geplätscher, das einfach ungemütlich im Wortsinn wäre, indem nämlich es einfach nur aufs Gemüt schlagen würde. Man erwache morgens, bereits in leichte Depression versunken, blinzele missmutig nach draußen und müsse feststellen, dass die Welt ein graues Verlies wäre, dem man vernünftigerweise nur den Rücken zuwenden könne. Man wolle sich am liebsten gleich wieder umdrehen und sozusagen grundsätzlich in Schlaf versinken.

Ein richtiger Sommerregen aber wäre ganz anders – ein Sommerregen in Ostpreußen. Aber Letzteres muss mein Vater nicht aussprechen, weil diese Mitteilung hinter und zwischen den Worten für mich deutlich hörbar ist. Dieser Regen kündige sich bei strahlendem Sonnenschein an wolkenlosem Himmel durch urplötzlich aufziehende Gewitterwolken an. Dann käme es zu wolkenbruchartigen Regengüssen. Eine Viertelstunde danach aber würde wieder die Sonne herab dröhnen. Man wäre erfrischt, angeregt, entladen, gereinigt, erheitert, aber derartiges im mehrfachem Sinne überirdische Geschehen wäre heute kaum noch zu beobachten.

Es ist dies ein grundsätzlicher philosophischer Kommentar, bei dem es überhaupt keine Rolle spielt, dass ich wenige Augenblicke zuvor den eben von ihm als schmerzlich vermisst dargestellten himmlischen Ablauf als real und gegenwärtig erlebt geschildert habe. – Allerdings finde ich seine Schilderung eines ostpreußischen Sommergewitters später durch glaubwürdige Leute bestätigt, auch im Internet.

Was am meisten auffällt, ist der Ton, in dem diese Unterweisung erfolgt. Es ist ein gequälter Ton. Mein Vater spricht widerwillig, wie gequetscht, als müsse er bei dieser kritischen Erörterung gegen einen inneren Widerstand angehen, den er schon hinreichend oft als für sich nicht überwindbar erfahren hat.

Wiederum hinter und zwischen den Worten teilt er mir mit, dass es sich nicht lohnen würde, überhaupt antreten und dieses Thema auch nur erörtern zu wollen. Es würde sowieso keiner richtig zuhören und es käme ohnehin nicht an, was er zu sagen hätte. Im Grunde wäre das Thema eines der ewigen Rätsel und es bestünde keine Hoffnung auf Klärung der zahlreich bei dieser müden Erörterung aufkommenden Fragen.

Dabei spricht er auch oder gerade mit seinen Gesten derart eindeutig, dass es keiner guten Beobachtungsgabe oder besonderen Einfühlungsvermögens bedarf, um die wortlose Aussage zu erkennen. Die deutlichste Geste ist auch jetzt die der resigniert aus dem Gelenk kippenden Hand. Man kann auch hier kaum von „Abwinken“ sprechen, weil die Geste zu sparsam und zurückhaltend ist. Alles Haschen nach Wind!

Aber mein Vater scheint nicht völlig Unrecht zu haben. Es hat etwas gegeben, das nicht mehr erreichbar scheint. Es ist dies auch eine meiner grundsätzlichen Erfahrungen. Spätestens dann, als ich mich ernsthaft mit Literatur zu beschäftigen beginne und mich schließlich vollends in die Bücher als das einzig mir erreichbar erscheinende Refugium zurückziehe, habe ich immer wieder den unklaren Gedanken, dass früher mehr los gewesen wäre. Diesen Eindruck vermittelt mir jedenfalls die Lektüre der Kindheitserzählungen richtiger Schriftsteller. Unter „richtigen“ Schriftstellern verstehe ich Autoren, deren Werk in Vor- oder Nachworten zum Bestandteil der Weltliteratur erklärt wird. Die Lektüre verstärkt dieses mir schon bekannte Empfinden, etwas wäre unwiederbringlich untergegangen und könne nicht reproduziert werden. Dergleichen scheint es nur in Büchern zu geben. Dergleichen ist früher geschehen, in anderen Welten, anderen Räumen… Welchen?

Worin bestehen unsere Abenteuer? – Sie sind gewissermaßen immer, oder fast immer, gegen etwas gerichtet. Aber das nehme ich nicht wahr. Noch weniger kann ich oder will ich wahrhaben, dass sie eventuell gegen Jemanden gerichtet sein könnten; gegen die Eltern, gegen die Lehrer, gegen sogenannte Erwachsene überhaupt, kurz, gegen die Alten. Die haben auch diese Art Textbaustein zur Einordnung und Bewertung unserer Unternehmungen kreiert – es kommt nichts dabei heraus.

Dass diese Bewertung zutreffend ist, wird mir natürlich gleichfalls erst sehr viel später klar. Wieder einmal stellt sich mir dann die Frage, ob ich es besser machen würde, oder auch nur anders, wenn ich Kinder hätte, oder ob, wie offensichtlich seit vielen Generationen, alles wieder von vorn los geht, als könne man zwar genetische Informationen weiter geben, nicht aber Einsichten und Erkenntnisse. Dies nicht nur in diesem Kontext und unabhängig von ökonomischen Bedingungen und politischem System. Aber auch diese Kriterien von Psycho werden offenbar regelmäßig ausgeblendet.

Fast alle Menschen scheinen sentimental erheitert bei Schilderungen von Kindheitsstreichen, und wenn es die eigenen sind, verzeiht man sie sich gerührt selbst. Andererseits, und das ist offenbar dialektisch, scheint das Bonmot zutreffend, dass jeder von Pippi Langstrumpf begeistert wäre, aber kaum jemand sie als Tochter haben wolle. Ich habe das Buch nicht gelesen. Nach dem, was ich vom Hörensagen von der Geschichte kenne, bin ich mir jedoch sicher, dass sie meinen Eindruck bestätigen würde, eigentlich wären keine wirklichen Geschichten mehr möglich in dem Bereich, über den man sich geeinigt hat, dass er die Realität wäre.

Ein richtiger Streich beginnt in der Wohnung eines Klassenkameraden, der in dem Block schräg gegenüber dem wohnt, in dem ich lebe. Allerdings gehen die Fenster seines Kinderzimmers, da der Wohnblock baugleich dem unserem ist, auch in seiner Wohnung nach hinten raus, so dass „in Sichtweite“ nicht wörtlich zutrifft. Mit einem weiterem Mitschüler sind wir über längere Zeit, aber mit Unterbrechungen, eines der Trios, wie sie, was ich später überrascht feststelle, von Jugendlichen oft gebildet zu werden scheinen. Wir sind in der vierten Klasse und ich bin 10.

Wir beginnen mit einer Art Spirituosen-Verkostung. Der Vater des Jungen hat in der Küche über dem Herd ein großes und massives Regal angebracht, in dem Dutzende von Flaschen und Fläschchen mit alkoholischen Getränken stehen. Es handelt sich geradezu um eine Art repräsentativen Querschnitt hochprozentiger sogenannter geistiger Getränke. Wir finden dort Eier- und Kakaoliköre, Fruchtschnäpse, Wodka, Whiskey usw.

Von links beginnend entnehmen wir Proben und kosten von diesen aus Eierbechern, da wir keine Schnapsgläser finden. Der Mitschüler, in dessen Wohnung wir mit dieser Aktion beginnen, erklärt eher gelangweilt als beschwichtigend, er hätte dergleichen zumindest versuchsweise schon des Öfteren praktiziert und würde die Flaschen mit Wasser auffüllen, was der Vater gar nicht merken würde. Der dritte Junge und ich werden von begeistertem Gelächter gebeutelt, mit dem wir unsere Angst überspielen.

Nach etwa einem Dutzend derartiger Kostproben merke ich etwas. Da es den anderen beiden ähnlich zu gehen scheint, brechen wir den Versuch ab – und gehen zur Schule. Wieder einmal haben wir die erste und zweite Unterrichtsstunde Ausfall, weil LehrerInnen krank oder schwanger und keine Vertretungen erreichbar sind.

Was nicht nur uns, sondern auch die meisten Mitschüler zu stürmischer Begeisterung hinreißt, ist die Tatsache, dass wir unbehelligt in die Schule und in den Klassenraum gelangen. Entweder scheint uns keiner abzunehmen, dass wir breit sind, oder unser Zustand wird in dem Gedränge nach der ersten Hofpause nicht wahrgenommen.

Erst nach etwa einer halben Stunde bemerkt unser Klassenleiter, was Sache ist. Er ist einer der wenigen männlichen Lehrer in der Grundschulstufe und dies, ohne falsches Pathos gesprochen, aus Leidenschaft. Dennoch und erst recht hat er Eigenheiten, die ihn zur Zielscheibe werden lassen könnten, was aber nur in harmlosen Ansätzen geschieht. In Momenten der Erregung, und zwar sowohl freudiger als auch wütender, pflegt er seine Gewohnheit, mit dem rechtem Zeigefinger auf die linke Schulter von SchülerInnen zu stoßen. Der Junge, in dessen Wohnung wir die Spirituosen-Verkostung durchgeführt haben, witzelt einmal, fast alle in der Klasse hätten über dem linken Schlüsselbein blaue Flecken.

Dieser Junge wird auch jetzt in dieser harmlosen Weise von unserem Klassenleiter traktiert. Der Lehrer stößt mit seinem Zeigefinger besonders schwungvoll auf den Jungen nieder, der in der Tischreihe ganz rechts sitzt. Inzwischen hat der angefangen, ohne schauspielerische Übertreibung zu lallen. Nach jedem Stoß intoniert der Lehrer geradezu, in einem Ton zwischen Unglauben und ungewöhnlicher Empörung, ein Wort seiner Feststellung des Sachverhalts. „Die!“ – Vorstoß – „Haben!“ – Vorstoß – „Tatsächlich!“ – Vorstoß – „Alkohol!“ – Vorstoß – „Getrunken!“

Allen wird schnell klar, dass jetzt Schluss mit lustig ist. Im angestrengtem Bemühen, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr er betroffen ist, führt der Lehrer die Unterrichtsstunde zu Ende und eilt dann zum Direx. Wenige Minuten danach müssen wir antreten.

Inzwischen haben wir, unterstützt durch die Ratschläge etlicher Mitschüler, den Tatbestand abzumildern versucht durch das Kauen oder sogar Schlucken von Blättern der Rosen, die vor der Schule gut gepflegt auf großen Beeten wachsen, von Kaugummis verschiedener Herkunft und Geschmacksrichtungen, von Kiefernnadeln und dgl. mehr. Das hilft aber alles nichts – wir haben alle drei offensichtlich eine Fahne.

Zunächst müssen wir zum stellvertretendem Direktor, der selbst von Kollegen, was Schüler natürlich grausam genau wahrnehmen, immer wieder nicht ganz ernst genommen wird. Der Mann scheint sich selbst in einen Zustand wütender Empörung hinein steigern zu wollen, um seine Hilflosigkeit zu überspielen. Er fragt unter anderem, und dabei gebärdet er sich wie ein Kommissar bei einer Befragung in einem zweitklassigem Krimi, ob denn der Wein, den wir getrunken haben, weiß oder rot gewesen wäre. Natürlich haben wir vermieden, von Wodka und Fruchtschnäpsen zu erzählen, sondern behauptet, wir hätten „nur“ Wein getrunken.

In meinem typischen Unverständnis einer Situation, die nichts mit Mangel an Intelligenz zu tun hat, wird mir die Absicht hinter der Frage nicht klar, und ich stottere etwas von Rotwein. „Das ist ja noch schlimmer!“ ruft der stellvertretende Direktor in derart übertriebenem Ton, als hätte er geradezu ein Heureka-Erlebnis. Er gebärdet sich, als wäre das Geschehen derart ungeheuerlich, dass er augenblicklich den Raum verlassen müsse. Das tut er dann auch, weil der Direktor erscheint. Der Junge, der die nicht altersgemäßen Getränke zur Verfügung gestellt hat, amüsiert sich nachher darüber und spielt die Szene vor brüllend lachenden Mitschülern nach.

Der Direktor ist eine imposante Erscheinung, nicht nur für Kinder, entspricht jedoch leider dem Klischee des Preußen in Schule und Kaserne. Er läuft tatsächlich, als hätte er den berüchtigten Stock verschluckt, mit fast unbewegtem Oberkörper, und das bei einer Körpergröße von ca. 1.90 sowie drahtig-muskulöser Konstitution. Bei vielen Schülern löst er Respekt, Ehrfurcht und leider auch Angst aus selbst dann, wenn sie nichts ausgefressen haben. Erst Jahre später wird mir klar, dass der Mann ein guter Pädagoge ist und seine Schüler liebt. Jetzt wächst meine Angst ins Unermessliche.

Ich stehe nur einige Augenblicke vor seinem Schreibtisch. Der Direktor äußert nur wenige Worte, und zwar in völlig ruhigem, ja, mildem Ton, was die Schwere unseres Vergehens eindeutig bekräftigt. Er hat es jedoch gar nicht nötig, seine Stimme zu heben, da sie bereits bei normaler Tonlage tief und kräftig, ja, durchdringend ist. Dennoch bedient er sich verbrauchter Versatzstücke wie „Was habt Ihr Euch dabei gedacht?“ usw. Dann kippe ich um. Der Mann fängt mich jedoch auf, bevor ich mit dem Kopf auf die Schreibtischkante knalle, und dies, obwohl er mindestens zwei Meter entfernt hinter diesem sehr großem Möbelstück sitzt.

Dass er mich auffängt nicht nur im wörtlichem Sinn, wird mir selbstverständlich erst sehr viel später klar. Seine Empörung, sein Zorn usw. sind auf für mich nicht auszudrückende Weise anders als die Reaktionen etwa meines Vaters in derartigen Situationen. Er ist offensichtlich persönlich betroffen, ernsthaft besorgt usw. Bei meinen Eltern habe ich längst das Gefühl, das ich gleichfalls nicht ausdrücken kann und will, dass sie sich benehmen, wie sie glauben, dass es von ihnen erwartet würde, weil sie Eltern sind. Auch hier wieder die Frage, ob ich es besser machen würde.

Fast genau dreißig Jahre später erfahre ich, dass ich nicht nur unerwünscht bin, sondern meine Mutter vor meiner Geburt als unfruchtbar erklärt worden ist und dass meine Eltern sich schon vor meiner Geburt scheiden lassen wollten, so dass ich zehn Jahre lang als Kitt einer gescheiterten Beziehung fungiere. Gleichfalls nicht verbalisierbar nehme ich durchaus wahr, dass ich nicht das einzige Kind in dieser Situation zu sein scheine. Nun bin ich aber da und muss irgendwie bewältigt werden. Dieser Direktor jedoch fühlt sich angesprochen und meint mich. Das erlebe ich paradoxer wie grotesker Weise als derart bedrohlich, dass ich körperlich dekompensiere.

All dies sind jedoch wieder Konstellationen seelischer Dynamik, für deren Wahrnehmung oder gar Erörterung keine Ebene, kein Raum, kein Forum usw. existiert.

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