Never let us talk about sex

Erotik und Sex kommen nicht vor. Ich höre im Elternhaus in neunzehn Jahren nicht einen deutlichen Satz zum Thema. Es gibt natürlich Plänkeleien und manchmal zotige Anmerkungen, die ich ohnehin meist nicht verstehe. Dies jedoch nur unter Gruppendruck, bei den wenigen Gelegenheiten, da meine Eltern in Gesellschaft sind. Auch oder gerade bei diesem Thema bin ich mir nicht sicher, ob ich wirklich etwas vermisse oder ein Defizit nachträglich hinein deute.

Weil ich nach meinem Schulbeginn Mädchen in Massen erlebe, nehme ich natürlich verstärkt wahr, dass Mädchen anders sind. Das hat zunächst nichts mit den körperlichen Merkmalen zu tun, von denen ich mir ohnehin einbilde, dass sie mich nicht interessieren. Brüste haben gleichaltrige Mädchen noch lange nicht und sonst sieht man ja nichts. Ich habe jedoch den Gedanken, den ich nicht ausspreche, auch nicht vor mir selbst, dass Mädchen oft hübscher sind als Jungen und dass sie viel mehr und schönere Sachen zum Anziehen haben. Dies ist eher eine beiläufige Wahrnehmung, wie das Registrieren einer Tatsache im Vorübergehen, ohne große Aufmerksamkeit erlebt.

Die erste Klasse, in der ich gewissermaßen hospitiere, ist in drei Bankreihen aufgeteilt, in denen immer zwei Kinder nebeneinander sitzen. Ich sitze in der Mittelreihe links. Auf dem rechtem Platz in der Fensterreihe links von dieser Mittelreihe sitzt einen Platz vor mir ein Mädchen, das ich merkwürdig finde auf eine Art, die ich nicht genau beschreiben kann und auch nicht beschreiben will. Das liegt nicht nur an ihren dicken und langen rotblonden Zöpfen. Zöpfe „interessieren“ mich bereits, ohne dass ich sie als etwas typisch Weibliches sehe.

Worum es geht, wird in und nach einer Unterrichtsstunde klar, in der ich das Mädchen fassungslos beim Einnässen beobachte. Zunächst tröpfelt es nur unter ihrem Stuhl, dann plätschert es leise und schließlich beginnt sich eine Pfütze auszubreiten. Jetzt beginnt das Mädchen zu weinen in der angeblich mädchenhaften Art, über die sich mein Vater immer wieder lustig macht. Zunächst ist nur ein Schluchzen und Schniefen zu hören, das jedoch wie ein Sirenenton drohend anschwillt und nach wenigen Augenblicken in durchdringendem Plärren gipfelt, mit dem sie die Aufmerksamkeit der ganzen Klasse hat, auch die unser Lehrerin.

Da dergleichen in den ersten Klassen immer einmal wieder vorzukommen scheint, ist die Lehrerin eher verärgert über die Unterbrechung ihres eben besonders engagierten Vortrags. Sie beauftragt eine Mitschülerin, das weinende Mädchen nach Hause zu begleiten und schickt einen weiteren Mitschüler zu den Reinigungskräften. Wieder einmal fällt mir auf, dass ich nie zu derartigen beinahe erwachsenen Aufträgen heran gezogen werde. Aber ich bin viel zu beschäftigt mit dem sensationellem Ereignis, dass eine Mitschülerin sich im Unterricht in die Hosen macht, als dass ich jetzt darüber nachdenken kann.

Jetzt mache ich eine wichtige, aber empörende Entdeckung. Zwar ist eine große Pfütze unter ihrem Sitzplatz, da der Rock des Mädchens während des peinlichen Ablaufs jedoch von der Sitzfläche herabhängt, sind nur Höschen und Strumpfhosen nass, aber man sieht nichts, als sie aufsteht. Bei Jungen dagegen sieht man immer sofort, wenn sie eingepisst haben. Das ist unfair und ungerecht! In diesem Augenblick nehme ich vielleicht zum erstem Mal bewusst einen Unterschied zwischen Mädchen und Jungen wahr.

Ein paar Tage später muss ich meine Eltern in die Stadt begleiten. Wir treffen das Mädchen, das ebenfalls mit seinen Eltern eine Art Einkaufsbummel macht. Sie begrüßt mich geradezu stürmisch und ich bin neuerlich fassungslos. Dies nicht nur, weil ich wieder einmal Gefühlsäußerungen Anderer ihrer Heftigkeit wegen schwer ertragen kann, sondern weil ich insgeheim überzeugt bin, dass das Mädchen nach ihrem Malheur im Klassenzimmer doch eigentlich im Boden versinken müsste. Stattdessen ist sie überschwänglich freundlich und fröhlich – das geht überhaupt nicht!

Es wird mir etwas deutlicher klar, warum und inwiefern ich dieses Mädchen merkwürdig finde, und keineswegs im abwertendem Sinne. Sie tut andauernd Dinge, und das in die Hose machen im Klassenraum ist natürlich ein Höhepunkt dieses Verhaltens, die sie meinen Erfahrungen nach zum Sündenbock oder gar zur Zielscheibe machen müssten. Das geschieht aber nie. Im Gegenteil ist das Mädchen bei Schülern und Lehrern gern gesehen und beliebt. Das finde ich wiederum unfair und ich verstehe es nicht.

Natürlich bin ich auch hier nicht fähig, den Sachverhalt zu beschreiben. Ich nehme aber durchaus wahr, dass die Situation des Mädchens damit zusammenhängen könnte, dass die Eltern bedingungslos zu ihr stehen, und zwar nicht in ihrem Recht, sondern in dem des Mädchens. Erst recht vermag ich nicht wahrzunehmen, dass ich neidisch und eifersüchtig bin und dass meine Spießigkeit in Denken und Handeln viel früher geprägt wird, als man zu denken geneigt ist.

In der zweiten Klasse dann, mit acht Jahren, werde ich auf etwas aufmerksam, das mir eigentlich schon lange klar ist, aber dessen Wahrnehmung bis dahin nicht mit dieser angenehmen Spannung verbunden ist. Mädchen tragen Röcke und Kleider und darunter Höschen, manchmal auch Strumpfhosen, unter denen die Höschen durchschimmern. Oft lugt ein weißer oder bunter Streifen Stoff über dem Bund von Hose oder Rock hervor, der umso verlockender, weil verheißungsvoller scheint, desto schmaler er ist. Das ist nicht der aufregendste Anblick, aber er ist ganz okay.

Diese Höschen blitzen jedoch vor allem immer wieder, wenn Mädchen sich hinhocken und man ihnen in den Schritt sehen kann oder wenn sie sich nach vorn beugen oder der Rock vom Wind angehoben wird oder überhaupt zippelt. Erneut stelle ich fest, dass es für Mädchen ein weitaus größeres Angebot an Anziehsachen gibt als für Jungen, auch bei der Unterwäsche. Die Weiber haben nicht nur weiße Höschen drunter, die allerdings die stärkste Signalwirkung haben, sondern auch himmelblaue und rosafarbene und gelbe und grüne und solche mit eingearbeiteten Blümchen, Teddybären, Katzen usw.

Das ist überaus spannend und faszinierend! Es beginnt eine aufregende Jagd nach derartigen Einblicken in die zahlreichen Varianten, mit denen bei Mädchen das verdeckt wird, um das es wirklich geht; um das, was sie da unten haben und was anders ist als bei Jungen. Da muss etwas sein und es muss ermittelt werden, um was es sich handelt! Etliche Jahre später lese ich bei Freud, dass diese kindlichen Erkundungen Ausdruck einer Suche nach dem weiblichem Penis wären. Wieder einmal scheint mir, dass der Mann recht hat. Aber das behalte ich für mich, denn wieder einmal sehe ich im mehrfachem Sinne keinen Raum, über so was zu sprechen.

Spannend und faszinierend ist dergleichen jedoch beileibe nicht nur für mich. Auch hier muss ich feststellen, dass ich nur Durchschnitt bin. Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, dessen Umsetzung ein Mitschüler begeistert und begeisternd vorführt, einen kleinen Taschenspiegel in die Laschen der Sandalen zu schieben und sich dann in ein Treppenhaus zu stellen, wenn Weiber mit schwingenden Röcken und Kleidern die Treppen benutzen.

Es beginnt eine regelrechte Jagd vieler Jungen auf blitzende Schlüpper. Manche Mädchen sind davon derart genervt, dass sie so oft wie möglich Turnhosen oder Badehosen unter Röcken und Kleidern tragen. Deshalb freue ich mich auf offizielle Anlässe, bei denen wir Pionier-Kleidung anziehen müssen. Dies nicht der Anlässe oder gar der ideologischen Inhalte wegen, sondern weil die Mädchen dann immer Höschen drunter haben, fast immer weiße, die geradezu leuchten, wenn sie kurz blitzen. Zudem tragen sie meist in der siebten Klasse dieselben Röcke wie in der Vierten, als diese Röcke bereit sehr kurz sind.

Daher sind diese offiziellen Anlässe für mich in besonderem Maße festlich. – Eine mindestens merkwürdige Konditionierung, die ich jedoch genieße; heimlich, denn so was ist natürlich erst recht geheim.

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