Manchmal ist die Mohrrübe ’ne Mohrrübe und kein Penis. Har har.

Schon seit etlichen Monden warte ich darauf, dass per Mental-Funk Rückmeldungen etwa des Inhalts kämen, ich gäbe das Wunderkind usw., weil ich in, ohne Ironie gesagt, mich selbst überraschender Quantität Soundpics erstelle. Damit realisiere ich ein bisschen, was ich spätestens seit meiner Entlassung aus den Reihen der ehrenvoll feldgrau Gewandeten unklar plante, eigentlich schon seit den oberen Schulklassen. Da sind sie wieder, die Gefühle von Schmerz, Trauer und Wut usw. über nicht gelebtes Leben. Vielleicht sollte ich ja doch irgendwo vor einem Flüchtlingsheim randalieren… Irgend jemand muss doch schuld sein, ich habe nichts gemacht!

Sorry! – Zu meiner Überraschung sind diese Rückmeldungen ausgeblieben. Aber heute Nacht nun wurde mir ein Traum in dieser Richtung geträumt, und „Richtung“ im doppeltem Sinne, weil einmal als Ortsangabe und einmal metaphorisch. Ich durfte zweimal Anlauf nehmen, was selten geschieht, und beide Male habe ich das Haus nicht erreicht, das ich erreichen sollte, wollte und musste. Prüfung nicht bestanden! Das Haus war die Musikschule in Eisenhüttenstadt. Nix Neues, wie gesagt, und wie gleichfalls unzählige Male angemerkt, gibt es keine Erklärung und es geht immer weiter…

Hier zeigt sich übrigens, was ich anzumerken hiermit die Arroganz besitze, dass Versuche der Deutung von Träumen sehr stark kontextabhängig sind. Manche Mitglieder des Freudeskreises Anna Lyse würden erklären, dass ein Haus im Traum für die Frau stehen würde, für Ankommen, Heimkommen, Landen, für Wiederfindung im klassisch-analytischem Sinne Freuds. Ich glaube zudem oder vor allem, dass viele dieser Zeit- und Streitgenossen sich die konkrete oder gar konkretistische Deutung des Trauminhaltes verbeten würden. Sie würden sehr wahrscheinlich Einspruch erheben gegen die Selbstverständlichkeit, mit der ich die Musikschule als Musikschule sehe. Sie würden diesen Traum keineswegs als Versuch einer wie auch immer zu benennenden Instanz sehen, von Etlichen „Gott“ genannt, mich zu prüfen, auf einer mentalen Ebene eine Bindung an eine Person oder eine (Werk-)Tätigkeit zu erzeugen, bevor ich in der sogenannten Realität auch nur den Gedanken entwickle, mich dieser Person oder Tätigkeit auch nur zu nähern.

Auf die Gefahr hin, sogar mich selbst zu langweilen, weise ich nochmals darauf hin, dass Bemühungen keine Symptomatik sein dürften, die den bereits seit Freud verfolgten Grundgedanken von Therapie umzusetzen versuchen, den Klienten zu Liebe und Arbeit zu befähigen …

Dies ist noch nicht die Pointe der Geschichte! Die Pointe, und eine wie für meinen Lebens-Slalomlauf üblich tragikomische, besteht darin, dass wir, d. h., fünf oder sechs Pubertäter meiner allgemeinbildenden polytechnischen Schulklasse, eine Band gründen wollten. Dabei haben wir, und hieraus ergibt sich das Traurige der Geschichte, alle denkbare Unterstützung unterhalten. Die Schuldirektorin war nicht nur Musiklehrerin, sondern mehr aus dem Häuschen als manche Mitglieder der Band in Gründung. Sie verwies uns zudem an ihren Neffen, dessen Band in der höchsten Einstufung von DDR-Gruppen spielte, in der sich Formationen wie „Karat“ oder „Silly“ bewegten. Der Musiker erklärte, wir könnten eventuell an Wochenenden, wenn die Band auf Tour wäre, ihren Probenraum nutzen. Schließlich waren auch die Lehrer der Musikschule begeistert, weil die Gründung einer Musikschulband immer wieder daran scheiterte, dass, als Beispiel, acht Neuschüler Bassgitarristen werden wollten und fünf Schlagzeuger. Wir hatten bereits vor unserem Erscheinen in der Schule fünf oder sechs Instrumente „verteilt“.

Was ist passiert? – Nichts… Auf seltsame, schwer erklärbare oder schwer erklärliche Weise verlief alles im Sande, trotz der eben angedeuteten idealen Startbedingungen. Ich muss an die Bemerkung eines dieser Klassen- und Bandkollegen denken, wir wären damals schon Rentner gewesen, die er einige Jahre nach der Wende anbrachte an einer Stelle, an der ich nie mit derartigen Rückmeldungen gerechnet hätte.

Heute würde ich sagen, ich, nicht wir. Mir ist heute noch nicht klar, ob die Resignation, in die ich mich mit 12 oder 13 geradezu fallen ließ, nur Ergebnis der inneren Kündigung war, die ich damals unbewusst und damit umso wirksamer tätigte, oder auch Ausdruck einer psychischen Störung, wie gut trainierte Teile des Lehrkörpers erklärtermaßen vermuteten. Womöglich liegt die Wahrheit auch hier in der Mitte.

Heute steht für mich des Weiteren fest, dass das mindestens seltsame nicht in die Gänge Kommen unseres begrüßten und geförderten Projekts auch damit zusammenhing, dass ich innerlich längst aufgegeben hatte und nur noch gewissermaßen aus Gewohnheit funktionierte. Das ging bis zur zehnten Klasse auch einigermaßen gut. Möglicherweise aber waren einige weitere der Bandmitglieder in zumindest ähnlicher seelischer Verfassung.

Das stand natürlich alles im Gegensatz zu offiziellen Verlautbarungen über die aktive, zukunftsfrohe Jugend usw. Ich glaube, was da zumindest auch wirkte, waren von der vorigen Generation aufgeladene „Päckchen“. Ich sehe vor meinem geistigem Auge, wie mein Vater, keineswegs nur im Zusammenhang mit unserem Projekt, sondern überhaupt und überall und immer wieder, die Hand aus dem Gelenk abkippen lässt. Man konnte gar nicht mehr von „Abwinken“ reden, weil der Energieaufwand zu gering war, um diese Bezeichnung zu rechtfertigen. Es hat alles keinen Sinn, es ist alles Haschen nach Wind, das wirklich Wichtige da unten im seelischem Fundament lässt sich eh‘ nicht besprechen, geschweige denn erklären und einer konstruktiven Lösung zuführen usw.

Dies jedoch war alles Psychoclub, Überbleibsel der alten Gesellschaft, das wir im Zuge unserer gesetzmäßigen Entwicklung überwinden würden. Die bewussten Teile der siegreichen Arbeiterklasse hatten, wie dieser Ausdruck ausdrückt, kein Unbewusstes, bis auf kleinere, von Freud erfüllte freudlose Fehlleistungen wie die des Bürger Genossen Schabowski. Kurz gesagt, hätte ich keine Chance gehabt, diese Wahrnehmungen irgendwo konstruktiv anzubringen. Wenn ich denn überhaupt in der Lage gewesen wäre, sie zu verbalisieren! Deshalb – weiter voran auf bewährtem Kurs, vorwärts zu gar keinem Horizont mehr, urrräää!

Ich komme zum Schluss, indem ich – zu Thomas Mann komme, *hüstel*. Thomas Mann habe ich mit etwa 15 zu lesen begonnen, was sehr untypisch für unsere Menschen war. Diese Lektüre hat mich jedoch in gewissem Sinn und Maß gerettet, weil Zugang zu einer geistigen Ebene ermöglicht, die den Menschen als Menschen ausmacht. In gewissem Sinn und Maß habe ich geistige Führung erlebt und daher keinen Führungsoffizier benötigt, immer bereit!

Momentan lese ich wieder den „Zauberberg“. Ich stelle fest, dass man auch beim Lesen findet, was Einem gehört, wie ein anderer Schriftsteller sinngemäß anmerkte. Ich glaube, es war Anna Seghers. Das heißt, dass man in ein und demselben Buch immer vorzüglich das zu lesen scheint, was im Moment der Lektüre in Einem dran ist. Nicht, dass ich mir einbilden würde, ich hätte diese Erkenntnis als Erster gehabt! Vielmehr wollte ich mitteilen, dass auch ich sie gehabt hätte, und hiermit habe ich nun mitgeteilt.

Dem einzelnem Menschen mögen mancherlei persönliche Ziele, Zwecke, Hoffnungen, Aussichten vor Augen schweben, aus denen er den Impuls zu hoher Anstrengung und Tätigkeit schöpft; wenn das Unpersönliche um ihn her, die Zeit selbst der Hoffnungen und Aussichten bei aller äußeren Regsamkeit im Grunde entbehrt, wenn sie […] der bewusst oder unbewusst gestellten, aber doch irgendwie gestellten Frage nach einem letzten, mehr als persönlichen, unbedingten Sinn aller Anstrengung und Tätigkeit ein hohles Schweigen entgegensetzt, so wird eine gewisse lähmende Wirkung solchen Sachverhalts fast unausbleiblich sein, die sich auf dem Wege über das Seelisch-Sittliche geradezu auf das physische und organische Teil des Individuums erstrecken mag. Zu bedeutender, das Maß des schlechthin Gebotenem überschreitender Leistung aufgelegt sein, ohne dass die Zeit auf die Frage Wozu? eine befriedigende Antwort wüsste, dazu gehört entweder eine sittliche Einsamkeit und Unmittelbarkeit, die selten vorkommt und heroischer Natur ist, oder eine sehr robuste Vitalität. Weder das eine noch das andere war Hans Castorps Fall, und so war er denn doch wohl mittelmäßig, wenn auch in einem recht ehrenwerten Sinn.
 
Thomas Mann, „Der Zauberberg“, Fischer Taschenbuch 2002, S. 53/54

Ich finde diesen Thomas Mann dermaßen überholt, altbacken, antiquiert, anachronistisch usw., dass es gar nicht in Worte zu fassen ist – oder hatte ich das schon erwähnt?

„Ich bin ausgesprochen, ich bin erledigt.“ Th. Mann, „Tonio Kröger“.

(… sieht sich Tatsache als Nachfolger von Thomas Mann… hatse doch nich‘ alle… gehört doch in ’ne Einrichtung… hättätä… blubb blubb blubb…)

Bla.

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