Die kleinen Geistesblitze des alten Kindes Koske beim Armenfrühstück*

Die es betreffen würde, würden es sowieso nicht lesen, und die es lesen würden, hätten das nicht nötig, weil sie eh‘ Bescheid wüssten. Thomas Mann, sinngemäß. Hier spreche ich vom „Tonio-Kröger-Syndrom“. Ein anderes Symptom dieses Syndroms ist der Glaube oder gar die Gewissheit, was ausgesprochen wäre, wäre erledigt. Und so weiter.

Ich werde nicht müde zu behaupten, dass der Lübecker Wortsetzmeister nicht nur nicht antiquiert und kompostig ist, sondern ein überaus aktueller Autor. Ich verweise in solchen Momenten schwulen Lobpreisens, Alta**, immer darauf, dass Mann Grunderlebnisse von Menschen im XX. Jahrhundert, Zusammenbruch und Wegfall von Lebenswelten und Kulturräumen, am Beispiel einer Familie meisterhaft beschrieben hat, bevor Millionen Menschen derartigen Erlebnissen in meist weitaus heftigerer Ausprägung hilflos ausgesetzt waren.

Die eben oben angedeutete Krögersche Wahrnehmung aber scheint auch eine brauchbare Beschreibung des Phänomens Echoblase oder Filterblase, beschrieben fast ein Jahrhundert vor dem Internet.

Was will der Klient damit sagen? – Er weigert sich, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, weil er sich für einen Intellektuellen hält. Es wird ein Ruf an ihn ergehen, genau!

*Hüstel* – Das ist die „witzige“ Komponente. Die weniger unterhaltende besteht darin, dass ich tatsächlich bei meinen meisten Jobs ständig daran gehindert wurde, ganz da zu sein, im, igitt, Hier und Jetzt anwesend. Mein Gehirn hat permanent solche völlig unpassenden und überflüssigen Gedanken entwickelt wie die hier nach dem Nachvollzug der Erfindung des Hackepeters, den sogenannte normale Männer „Rasieren“ nennen, nieder geschriebenen bzw. getippten.

Ist es Größenwahn, wenn mir die Erwähnung von Sokrates in Sloterdijks „Scheintod im Denken“ einfällt? Es wäre jedoch nicht tragisch, wenn es Größenwahn wäre, denn dieser ist, wir berichteten, störungsspezifisch und somit gewissermaßen pathologisch adäquat. Wie gleichfalls erst 200 Mal erwähnt, wurde mir in diesen Momenten quälender Großhirntätigkeit oft rückgemeldet, ich wäre schon wieder full wie ’ne Radehacke, obwohl ich mir nicht einmal ein Quäntchen mental illuminierender Substanzen appliziert hatte. Ich muss jetzt „applizieren“ schreiben, denn auch das ist intellektuell.

Ich armes, armes Ich… Ich stelle mir Forrest Gump als einen Menschen vor, dessen Gefühl des berechtigt in der Welt anwesend Seins ich in schwacher Ahnung nachempfinden kann, wenn ich gerade besonders gut drauf bin.

***

Heute wurde mir geträumt, dass ich mit einem Fahrrad durch eine atmosphärisch filmische Altstadtgasse fahre. Mir fallen dazu „Grand Budapest Hotel“ ein und die Winkelgasse in „Harry Potter…“. Beide Filme sind voller grandioser Visualisierungen von Epochenverschleppung, Gregor von Rezzori. Dann havariert das Fahrrad wahrhaft traumhaft, indem das Vorderrad plötzlich quadratisch ist. Ich steige ab und schleife das Rad durch einen Gründerzeitaufgang auf einen riesigen Hof, der mich an Berlin erinnert. Der Hof ist trotz seiner Größe vollständig versiegelt, mit Beton, nicht mit Pflastersteinen. Er ist, das Vorderhaus ausgenommen, von Blindwänden umschlossen, d. h., Altbaurückwänden ohne Fenster. Über den Hof gelange ich in einen weiteren Aufgang. Dann ist alles weg, sowohl das Fahrrad als auch beteiligte wie beobachtende Personen. Prüfung nicht bestanden…

Wenn ich nur die Atmosphäre in Worten erfassen könnte! Die Welten im Traum sind, trotz immer wieder auftretender alptraumhafter Details, weitaus intensiver, „leuchtkräftiger“ usw. als alle von mir erlebten Szenen in dem Bereich, über den man sich geeinigt hat, dass er die Realität wäre. Aber damit ist gar nichts gesagt! Ich bin hier, wieder einmal, an den Grenzen der Sprache.

Dann habe ich meine Ex mit einem Kissen erstickt. Ich muss zugeben, dass ich schon den ganzen Morgen darüber kichere. Anschließend habe ich das Geld, das jemand meinem Kompagnon und mir für den Mord gegeben hat, allein eingesteckt, weil der Mittäter es nicht wollte. In diesem Fall bin ich übrigens überzeugt, dass die mit nervender Monotonie von Mitgliedern des Freudeskreises Anna Lyse gestellte Frage, für wen Frau oder Herr XY im Traum stehen würden, angebracht wäre. Die Ex war nicht gemeint, chch.

** Ich will nicht dem führendem Vertreter der Weltliteratur Sarrazin nach dem Munde reden, aber wenn man nicht raucht, nicht trinkt und keine Kinder hat, kann man von Hartz IV durchaus menschenwürdig leben. Man muss das doch mal aussprechen dürfen. Okay, ’n Döner habe ich mir immer noch nicht zu leisten gewagt, aber Eis, hihi. – Okay, aus der Tiefkühltruhe… Nach wie vor vermisse ich an Tiefkühltruhen Buttons, auf die man drücken kann, wenn Einem das Angebot gefallen hat.
** „Merkt nich, dissa schwul is, merkt nich, dissa schwul is!“, O-Ton Vox populi.

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