Vorschulzeit

Meine möglicherweise älteste, jedenfalls aber häufigste Erinnerung ist die an das von der Sonne morgens an die Wand links von meinem Bett gemalte gelborange Streifenmuster. „Häufigste“ Erinnerung deshalb, weil ich dieses erinnerte Ereignis wiederholt, manchmal, naturgemäß besonders im Sommer, Tage lang jeden Morgen erlebe. Die Farbe dieser Streifen kann ich nicht derart genau beschreiben, wie ich es mir wünsche, weil das Sonnenlicht gewissermaßen verfälscht wird. Es trifft auf eine Wand, die orange gestrichen worden ist; einmal von meinem Vater, einmal von einem Handwerker. Das ist merkwürdig, weil mein Vater die sprichwörtlichen goldenen Hände hat und fast alle in der Wohnung anfallenden handwerklichen Arbeiten selbst erledigt.

Es gelingt mir nicht, das Gefühlsgemisch zu reproduzieren, das bei diesem Anblick in mir wirkt. Aber ich weiß auf der rationalen Ebene, dass es von beglückender hoffnungsfroher Erwartung bestimmt ist. Hoffnung, Erwartung – ein Grundgefühl! „Das Leben besteht aus zwei Abschnitten – die Zeit der Erwartung und die Zeit der Erinnerung an die Erwartung.“ Für mich ein Favorit unter meinen Bonmots, für viele zynisch – aber dieses berühmte Fünkchen Wahrheit enthaltend.

Mir wird erst lange Zeit nach meinem erstem diesbezüglichem Versuch bewusst, dass ich diese orange oder terrakotta Wandbemalung in meinen Wohnungen wiederhole, nur in der ersten eigenen Wohnung nicht, weil ich das nicht wage, da es mir zu verrückt erscheint. Ich halte es für wahrscheinlich, dass ich damit unbewusst an eine Entwicklung anknüpfen will, die durch den Umzug in die nächste Wohnung meiner Kindheit und vor allem durch den einige Monate danach erlebten Auszug meiner Mutter unterbrochen wird, nach dem sie bis auf eine Begegnung mit sehr seltsamen unangenehmen Folgen aus meiner Kindheit buchstäblich ausgelöscht ist.

„Stimmungen und Launen unterliegt er in hohem Maße“, schreibt die Lehrerin, die von der siebten bis zur zehnten Klasse meine Klassenleiterin ist, in eine Zeugnis-Beurteilung. Es ist bezeichnend, dass ich mich an diese Formulierung im Wortlaut erinnern kann, obwohl ich 1986 alle Zeugnisse zerreisse und verbrenne oder wegwerfe. Zum Glück ist eine Kopie des Reifezeugnisses in der sogenannten Kaderakte.

Die Stimmung scheint mir jedoch das Wesentliche! Stimmung im Sinne etwa von „anhaltendem Grundgefühl des Lebens, das im Hintergrund wirkt“. Wieder ein Sachverhalt, den ich nicht in für meine Begriffe hinreichender Genauigkeit in Worte zu fassen vermag. Möglicherweise handelt es sich um ein archetypisches Faktum im Sinne C. G. Jungs, das sich mit Worten nur gewissermaßen umkreisen und nie ganz treffen lässt. In diesem Kontext aber ist mein Bonmot nicht zynisch, sondern einfach zutreffend. Bis zum Wendepunkt war mein Leben bestimmt von Erwartung von etwas, das ich gar nicht benennen konnte; danach habe ich mich immer wieder gefragt, wie ich es überhaupt schaffe, immer weiter zu leben.

Aber diese Stimmungen lassen sich gleichfalls kaum in Worte fassen. Mit Bildern oder Musik ließen sie sich vielleicht besser zu einem wie auch immer geartetem Empfänger transportieren. Das fühle ich bereits als Kind, ohne das natürlich aussprechen zu können oder zu wollen. Es gibt immer wieder Momente, die derart schmerzhaft intensiv sind, gewissermaßen voller Leuchtkraft, dass ich sie gern halten möchte. Immer wieder kommt mir der Gedanke, dass es furchtbar wäre, wenn „das“ mit meinem physischem Tod „weg“ wäre. Daraus wiederum folgt der Gedanke, dass es Milliarden solcher Momente geben dürfte bei den Milliarden Menschen der Erde. Schließlich gehen immer wieder Fragen in mir um etwa des Inhalts, ob die hier angedeuteten seelischen Abläufe unterm Strich nicht vielleicht wichtiger wären als beispielsweise die Höhe des monatlichen Einkommens usw. Zu dieser Frage ist unlängst ein Buch erschienen, das zum Bestseller wurde, Interviews mit Sterbenden enthaltend.

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Auffällig ist, und derart eindeutig, dass es nicht erörtert werden muss, dass ich in der Erinnerung dieses Zimmer meist aus der Perspektive des im Bett liegenden Kindes wahrnehme und kaum aus dem Blickwinkel etwa eines in das Zimmer Tretenden. Das Bett steht links von der Tür, mit dem Fußende zur Tür, deren Rahmen direkt an die rechte Wand anschließt. An dieser rechten Wand steht eine Liege mit einem schwarz-gelb gemustertem derben Bezug, der kratzt, so dass es immer mindestens einige Minuten dauert, bis ich mich darauf einigermaßen behaglich fühle.

Mit Bett und Liege und Tür sind diese Wände fast bis auf den Millimeter ausgenutzt, was auf ein sehr kleines Zimmer verweist. Wie für Kindheitserinnerungen üblich erscheint es mir jedoch geräumig, oft sogar, weil die Einrichtung mit den erwähnten Möbelstücken fast vollständig erwähnt ist, weitläufig, ja, kahl. In meiner Erinnerung steht ständig, was real nicht zutrifft, vor dem Fenster gegenüber der Tür, das nicht wie diese völlig an die rechte Wand reicht, ein großer robuster Tisch. Mein Vater hat ihn restauriert oder sogar selbst gezimmert sowie lackiert in einem glänzendem Dunkelgrün, das ich nie wieder bei einem Möbelstück sehe. Dies jedoch erst, als wir schon einige Jahre in dieser Wohnung wohnen. Ich finde dieses Grün derart schön, dass mich jede Decke auf dem Tisch insgeheim ärgert.

Dann steht in der dunklen Ecke schräg gegenüber der Tür und direkt gegenüber dem Bett eine Kommode, die jedoch schon geraume Zeit vor dem Umzug als Werkzeug- und Materialschrank von meinen Vater im Keller genutzt wird. Stattdessen wird, und schräg in den Raum hinein, um diese Ecke nicht völlig leer erscheinen zu lassen, ein kleiner Schrank in mein Zimmer gestellt, der zur Hälfte aus einem einzigem großem Fach mit einer gläsernen Schiebetür davor besteht. Schließlich lag längere Zeit ein kleiner Teppich in der Zimmermitte und wenn ich jetzt noch den Stuhl vor meinem Tisch erwähne, ist die Einrichtung des Kinderzimmers beschrieben, in dem ich etwa vom drittem bis zum zehntem Lebensjahr lebe.

Die Wohnung, in der ich immer wieder nach dem Aufwachen von dem Farbenspiel neben meinen Bett bezaubert bin, ist die zweite Wohnung, in der ich in meinem Leben lebe, aber an die erste kann ich mich nicht erinnern. Es gibt Fotos, auf denen, wie mir Leute versichern, die ich in diesem Kontext als glaubwürdig ansehen muss, unter anderem und unter anderen ich als Baby zu sehen bin, aber es gelingt mir nicht, eine gefühlsmäßige Beziehung zu dem und den Abgebildeten herzustellen.

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Ich bin etwa sechs Jahre alt und spiele auf dem Rasen hinter unserem Haus. Ich spiele wie fast immer allein und meine Spiele wirken offenbar seltsam. Einmal kommen völlig unbekannte Leute zu meinen Eltern, um sie zu überzeugen, dass ich in psychiatrische Behandlung gehören würde, denn ich wäre nicht normal. Erklärtermaßen gelangen diese Leute zu diesem Eindruck, als sie mich beim Spielen beobachten.

Da sind immer irgendwo Leute, die Einen beobachten und die von Einem etwas wahrnehmen, das man selbst nicht wahrnehmen kann oder will, oder nicht wahrnehmen darf, weil die Wahrnehmung schon in der Kindheit verboten wurde. Diese Leute haben daher Macht über einen – eine psychische Grundlage für das Entstehen eines Stasi-Staates. Diesen Gedanken habe ich kurz vor meinem Wendepunkt sinngemäß in eines der 26 Tagebücher notiert, die ich nach diesem Punkt zusammen mit Fotos, Zeugnissen und fast allen anderen persönlichen Papieren in tausend Stücke zerrissen und im Ofen verbrannt oder in der Mülltonne entsorgt habe.

Auch an diesem Sonntagvormittag bin ich völlig vertieft in mein Spiel, so dass ich das halbe Dutzend Jungen, die sich als eine Art lebender Keil formiert haben, erst bemerke, als ihr Anführer und Wortführer vor mir steht. Ich bin insgeheim belustigt über die Bemühungen dieses Wortführers, sich in der Manier eines Wildwest-Helden zu artikulieren. Der Junge bewegt sich, als wäre er durch gewaltige Muskelmassen an der Bewegung gehindert, und er versucht, durch die geschlossenen Zähne hindurch zu sprechen, was auf mühsam gebändigten gerechten Zorn deuten soll. Er wirft unablässig einen Stein von der Größe etwa eines Hühnereies ein Dutzend Zentimeter vor seiner Brust hoch und fängt ihn wieder auf und fragt mich dabei, ob ich mit einem derartigem Stein vor so und so viel Wochen dem und dem Jungen ein Loch in den Kopf geworfen hätte.

Normaler Weise wäre ich derart verblüfft gewesen, dass ich ungläubig gelächelt und damit wahrscheinlich Prügel provoziert hätte. Diese Anschuldigung ist aber derart ungeheuerlich, dass sie bei mir etwas auslöst, was man als Überspringen von Gedanken zu Handlungen bezeichnen könnte. Nicht nur habe ich den beschriebenem Jungen nie mit einem Stein beworfen, vielmehr kenne ihn gar nicht, und vor allem hat mir jemand etwa zum genanntem Zeitpunkt mit einem Stein ein Loch in den Kopf geworfen. Ich entreiße dem Wortführer des Angriffskeils sein Wanderstöckchen und treibe die Jungen damit vor mich her und bis um die nächste Häuserecke. Dabei habe ich das Empfinden, das würde jetzt alles gar nicht mir passieren oder ich würde das alles nur träumen.

Dennoch ist mir klar, dass dies eine Sternstunde ist, dass ich über Grenzen gegangen, über meinen Schatten gesprungen bin usw.; kurzum, dass etwas eigentlich völlig Unmögliches geschehen ist, oder vielmehr, und das ist das Entscheidende, von mir vollbracht wurde. Mein Vater jedoch, der offenbar diese Geschichte vom Küchenfenster aus beobachtet hat, gebärdet sich, als wäre alles ganz normal und als wäre nichts passiert, das er nicht erwartet hätte. Ich bin eher enttäuscht und wütend, aber noch mehr verwirrt.

Wie sehen die mich? Was haben die für ein Bild von mir? – Die Geschichte ist nicht passiert…

Sie ist eine weitere Ur-Geschichte, die für ein Grundmuster steht, das sich durch mein Leben zieht.

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Jahrelang schaukele ich. Jeden Morgen, wenn meine Mutter beginnt, die Wohnung zu putzen, schaltet sie das große Röhrenradio im Wohnzimmer an und stundenlang läuft Schlagermusik. Ich setze mich in den vorderen der beiden Sessel im Wohnzimmer und schaukele im Rhythmus der Schlager mit dem Oberkörper vor und und zurück, vor und zurück, vor und zurück, bis ich nach wenigen Minuten in einer Art Trance bin. Ich kann mich nicht daran erinnern, aber meine Eltern erzählen mehrfach, ich hätte auch lange Zeit im Bett im Liegen geschaukelt.

Beim Schaukeln steigere ich mich nicht nur in Heldengeschichten hinein, sondern variiere dabei unzählige Male kleine Details von Szenen meines Alltags. Diese inneren Bilder sind eher monoton als verspielt. Zum Beispiel rette ich viele Dutzend Male einen der Jungen, die regelmäßig an der Teppichklopfstange vor dem Müllplatz zwischen unserem Wohnblock und dem nördlich angrenzendem Block herum turnen. Der Junge ist der Liebling der Gruppe und ich fange ihn auf, als er von der Stange stürzt. Die ganze Szene dauert nur einige Sekunden, aber ich male sie mir über Monate hinweg immer wieder aus. Selbstverständlich ist mir das herum Turnen an der Teppichklopfstange unter Androhung von Prügelstrafe verboten – selbstverständlich halte ich mich daran.

Einige Jahre später erfahre ich, dass dieses Schaukeln typisch ist für autistische oder emotional stark vernachlässigte Kinder. Es könnte demnach etwas makaber erscheinen, dass meine Mutter in der Wohnung anwesend ist. Hier könnte man jedoch auch ein Problem aller therapeutischen Betrachtung exemplarisch verkörpert sehen. Geht es um Benennung tatsächlichen Erlebens oder wird nachträglich etwas in das Erlebte hinein gedeutet? Habe ich wirklich darunter gelitten, dass die Bindung an meine Mutter defizitär war, oder deute ich das nachträglich hinein, nachdem ich festgestellt habe, dass Fachleute mehrerer Schulen und Richtungen mein Erleben und Verhalten als pathologisch werten würden?

Auch meine des Öfteren gemachte Anmerkung, ich bräuchte keine Stoffe von außen zuführen, um high zu werden, da ich bereits als Kind gelernt hätte, mich mittels körpereigener Drogen in einen Rauschzustand zu versetzen, ist nicht nur zynisch, sondern entbehrt gleichfalls nicht eines rationalen Kerns.

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Morgens verwandelt sich der Vater. Ich weiß nicht, ob das jeden Tag geschieht, halte das aber für wahrscheinlich, denn zumindest ein paar Male habe ich ihn bewusst und konzentriert dabei beobachtet. Er isst zum Frühstück fast immer ein paar Spiegeleier und trinkt einen großen Becher Kaffee dazu. Daran muss ich viele Jahre später denken, als ich als Dreijährig-Freiwilliger eben nicht dem Klischee des Uffz. entspreche. Spiegeleier und ein großer Plastikbecher Kaffee sind im Speise-Saal das große Standard-Frühstück für Selbstzahler.

Der Vater sitzt auf dem linken Stuhl am Küchentisch, direkt vor dem Fenster. Er trägt seine Stiefelhosen, jedoch noch keine Stiefel und auch noch keine Uniform-Bluse und kein Uniform-Hemd, sondern nur das Militärunterhemd. Ausdruck seiner Lässigkeit, seines sich zu Hause Fühlens sind des Weiteren die abgestreiften Hosenträger. Nachdem er aber den letzten Schluck Kaffee getrunken hat, steht er auf und beginnt mit dem über die Schulter Legen der Hosenträger die Vervollständigung seiner Dienstgarderobe. Er muss nicht sagen, dass ich aus seinem Blickfeld verschwinden sollte, vielmehr ich das von selbst tue. Es ist ein Ruck durch den Vater gegangen! Indem er seine Kleiderordnung hergestellt hat, ist er gewissermaßen nicht mehr anwesend. Er hat diesen Gesichtsausdruck, der mir signalisiert, dass ich womöglich gar nicht mehr wahrgenommen werde, dass ich mich wieder einmal nicht auf den innigen Kontakt in Momenten der Gemeinsamkeiten verlassen kann. Ich sollte besser annehmen, dass ich das alles nur geträumt habe. Der Vater ist weg und er ist auch gleich räumlich weg. Er begibt sich nun an einen Ort, den er regelmäßig mit Worten wie „Scheißladen“, „Saftladen“, „Saustall“ usw. bezeichnet, was meine Mutter nicht gern hört, was er aber unzählige Male wiederholt.

Erwachsene, zumindest Väter, begeben sich tagsüber an einen Ort, den man „Werk“ oder „Arbeit“ oder „Dienststelle“ nennt. Ich weiß aber schon damals, dass eine Hausfrau als Mutter eine seltene Ausnahme bei Familien in der ersten sozialistischen Stadt ist.

Man kann sich nur gruseln vor dem Moment, an dem man selbst an einen solchen Ort muss – aber der Tag wird kommen! Dieser Ort scheint die Hölle, niemand scheint gern dort hinzugehen, aber alle scheinen es zu müssen. Einer der rätselhaften Mechanismen, die man bei Erwachsenen einfach akzeptieren muss – und eine der grundlegenden Erfahrungen, die ich als Kind mache.

Arbeit ist etwas Furchtbares, Kräftezehrendes, Sinnloses, aber zwingend Notwendiges, dem man nicht ausweichen kann. Erwachsensein heißt unter anderem, sich damit abzufinden, dass man sich in einer Art Gefängnis befindet, aus dem es keinen Ausweg gibt.

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Das Leben ist Traum – der Traum ist das Leben…

Da ist dieser Flugtraum. Indem ich die höchstens Streichholz langen Haare über den Ohren in der Art von Flügeln bewege, fliege ich über meine von tausenden Lichtern nächtlich erhellte Heimatstadt. Das belustigt mich selbst und bereits während des Traumes, was mir über die Peinlichkeit hinweg hilft, nur mit dem Schlafanzug bekleidet zu sei. Merkwürdig ist zudem, dass ausnahmslos alle Fenster erleuchtet scheinen. Das Wesentliche ist auch hier wieder das Atmosphärische, und auch hier wieder kann ich es nicht in für mich befriedigendem Maße in Worte fassen. Mit dem Abstand dieses Überflugs sind mir Stadt und Menschen nah und vertraut, ich bin drin, ich gehöre dazu, ich bin beteiligt, ich bin eingebunden. Ich fliege im Traum über die Nordostecke des großen Gevierts, zu dem der Wohnblock gehört, in dem ich lebe, und hier scheinen nicht nur alle erleuchteten Fenster zu strahlen, sondern auch die Hauswände und der Boden. Diese Strahlung besteht nicht nur aus Licht, sondern auch aus Wärme, und das Licht ist ohnehin mehr orange und weniger gelb. Eine ähnliche atmosphärische Wirkung einer Stadtlandschaft erlebe ich etliche Jahre später in Filmen Woody Allens, in denen er Aufnahmen des nächtlichen Manhattan zeigt. Mir fällt dann im Kino auch mein Kindheitstraum ein.

Natürlich sind die „bösen“ Träume solche von Flucht und Verfolgung. Aus denen rette ich mich dadurch, dass ich durch die etwa Handteller großen Abdeckungen entkomme, die an mehreren Wänden der Zimmer dicht unter der Decke angebracht sind. Ich weiß irgendwann, dass sich dahinter Schnittstellen des Stromnetzes befinden, dennoch wird dieses Traummotiv hunderte Male variiert. Immer aber enden diese Träume mit dem Erwachen, gegen Ende der Fluchten und Verfolgungsjagden, so dass ich mit einer letzten Anspannung aller Kräfte entkommen kann.

Dann ist da dieser Traum, den ich zwar eher als „guten“ bezeichnet hätte, der aber völlig außer der Reihe abläuft. Dies nicht seines Inhaltes wegen, sondern gewissermaßen wegen eines Kunstgriffs der Inszenierung. Es kommt in diesem Traum zum fließendem Übergang von Traum und Realität, von Dichtung und Wahrheit. Wieder liege ich nicht in meinem Bett im Kinderzimmer, sondern im Ehebett im elterlichen Schlafzimmer. Inzwischen bin ich Schüler der zweiten oder dritten Klasse, aber neuerlich krank, in der dritten und letzten von mir erlebten elterlichen Wohnung.

Ich träume, dass ich in diesem Bett läge und dass von der Tür her eine schnurrende und tänzelnde Katze auf mich zukommt. Ich bin untröstlich, als ich merke, dass ich gleich aufwachen werde, wonach die Katze natürlich weg sein wird. Dann aber stelle ich ungläubig fest, dass die Traumhandlung fließend in die Realität übergeht. In der Tür steht der Vater, hält einen Plüsch-Kater in der Hand, den er den Türrahmen hinauf und hinab wandern lässt, und ahmt außerordentlich naturgetreu katzenhafte Laute des Wohlbehagens nach.

Der schrecklichste Traum ist der, in dem mein Vater verschwindet, sich schier in Nichts auflöst. Zur Zeit dieses Traumes bin ich etwa sechs und besitze einen Hamster, ein altes und faules Tier, das in einem Terrarium haust. Das Terrarium steht in diesem Traum zwischen der nach rechts zu öffnenden Küchentür und dem Büfett, das über die Hälfte der rechten Küchenwand einnimmt. Das Terrarium passt im Traum genau in die Lücke zwischen Tür und Schrank, was in der Realität nicht nur nicht korrekt ist, vielmehr das Terrarium dort nie gestanden hat.

In dem Terrarium steht mein Vater, anfangs nur etwa drei mal so groß wie der aufgerichtete Hamster, der allerdings in diesem Traum nicht vorkommt. Unter den Klängen gewaltiger symphonischer Musik, wie ich sie bis dahin und auch danach nie in der Realität gehört habe, wird mein Vater in regelmäßigen rhythmischen Abständen immer kleiner, bis er schließlich verschwunden ist. Ich erwache schreiend in meinem Bett stehend. Den Erzählungen meiner Mutter nach muss ich noch weitere Träume mit pavor nocturnus erlebt haben, ich kann mich jedoch nur an diesen erinnern.

Das Leben ist Traum – der Traum ist das Leben…

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Ein wesentlicher Teil des Lebens, bis zum Schulbeginn vielleicht der wesentliche, ist Krankheit. Dieser Bereich überschneidet sich natürlich oft mit dem Bereich der Träume, weil viele Träume Fieberträume sind.

Zum Beispiel ist da diese Fortsetzungsgeschichte mit den endlosen Güterzügen in der Gardinenstange. Ich glaube, mir ist es sogar mehrfach gelungen, diesen Traum bewusst zu generieren. Diese Güterzüge sind beladen mit unzähligen „Nuckelflaschen“, wie es sie im Süßwarenladen der Hauptstraße der Stadt gibt. Sie sind gefüllt mit stecknadelkopfgroßen, bunten Zucker-Perlen, die man eigentlich aus dem mit einem kleinem Loch versehenem Gummideckel aus der Flasche saugen sollte. Mir gelingt das nie, vielmehr ich den zipfelmützenförmigen „Deckel“ abnehme und mir reichlich Zuckerperlen in die hohle linke Hand schütte, um mir mit ihnen den ganzen Mund zu füllen. Nicht, dass diese beglückende Versüßung meines kindlichen Alltags regelmäßig oder auch nur oft stattfindet, aber es gibt sie doch zuweilen ganz real.

Auch durch die häufigen Erkrankungen ist meine gewohnte Perspektive beim Blick auf die Welt die vom Bett aus. In diesem Bett verbringe ich insgesamt bestimmt vier Jahre meiner Vorschulkindheit; hustend, niesend und fiebernd.

Seltsamer Weise habe ich keine einzige sogenannte Kinderkrankheit, erst mit etwa zehn Jahren bekomme ich die Masern, ausgelöst vermutlich durch die Masern-Impfung. Ich leide unter sogenannten Erkrankungen der Atemwege. Recht früh kenne ich den Begriff „chronische Bronchitis“. Häufig habe ich auch Lungenentzündung. Kinder haben in der DDR vier Pflichtimpfungen gegen Diphterie, Keuchhusten und Wundstarrkrampf zu absolvieren. Ich erhalte diese Kombi-Impfung bis zum 14. Lebensjahr insgesamt 12 Mal. Einmal kommt der Verdacht auf, der auch bis zu mir durchdringt, dass infolge der häufigen Gaben Penicillin keine hinreichende Wirkung mehr bei mir haben könnte, was sich zum Glück kurze Zeit später als unzutreffend erweist. Ich soll irgendwann in meiner Vorschulkindheit zur Kur fahren, bin aber nicht transportfähig. Man kann bei mir die Rippen zählen, wie meine Mutter oft sagt, halb spöttisch, halb mitleidig.

Ich glaube heute, dass mein System „Körper-Psyche-Energiefeld“ gewissermaßen ortsgebunden reagiert hat. Wäre ich beispielsweise in einem Zentrum der Chemieindustrie wie Bitterfeld aufgewachsen, hätte ich vielleicht schlecht heilenden Hautausschlag entwickelt. Mag sein, dass das an den Haaren herbei gezogen klingt, aber mir geht dieser Gedanke seit vielen Jahren durch den Kopf.

Hier jedoch ist die Luft eisenhaltig. Unzählige Male schimpft meine Mutter, dass sie zwar jeden Morgen die Fensterbretter wischen würde, dass das aber sinnlos wäre, weil abends wieder eine hauchdünne Schicht winziger, metallisch glitzernder Staubkörnchen darauf liegen würde. Ich weiß nicht, ob das stimmt, sehe aber vor meinem geistigem Auge einen Wischlappen mit glitzerndem Belag, den ich eher romantisch finde. Wir wohnen damals am nördlichem Rand der Stadt und wenige Minuten Fußweg von unserem Wohnblock beginnt die Werkstraße. Diese Werkstraße führt in einem kilometerlangem Bogen zum Haupteingang des Hüttenwerkes, das der Stadt den Namen gibt und das auch unter Nach-Wende-Maßstäben das größte Industrieunternehmen des Landes darstellt.

Durch die häufigen Erkrankungen erzwinge ich Zuwendung, aber dieser Mechanismus entwickelt sich paradox. Da mein Husten sozusagen dazu gehört, werden die üblichen Maßnahmen ergriffen – und ich ansonsten in Ruhe gelassen. Manchmal kommen Wochen lang jeden Tag nur drei oder vier Mal für ein paar Minuten Erwachsene ins Zimmer, meist die Mutter, oft der Vater. Regelmäßig erscheinen Schwestern und Ärzte, untersuchen mich und verschreiben mir zahlreiche, meist übel schmeckende Präparate, die nach einer alten Volksweisheit angeblich gut wirken, weil sie nicht gut riechen und schmecken. Ich kann das nicht bestätigen, schlucke aber brav alle Pillen und Mixturen. Ansonsten dämmere und döse ich vor mich hin.

Die sich aus diesen Umständen ergebende wesentliche Prägung oder gar Konditionierung meiner Vorschulkindheit besteht demnach darin, dass ich meine Innenwelt, erfüllt mit Wach-, Fieber- und Schlafträumen, als das Wesentliche im Leben wahrnehme, während die Welt da draußen eine Art Kulisse darzustellen scheint, in der lästige, aber nicht zu umgehende Pflichtübungen zu absolvieren sind. Diese Prägung ist nicht nur nicht typisch für unsere sozialistischen Menschen, sondern für abendländische Verhaltensmuster überhaupt. Ich bin von Anfang auf meine Innenwelt fokussiert, auf Kontemplation, nicht auf Handeln in der Welt da draußen.

Bei meinen Erkrankungen erlebe ich immer wieder ein Phänomen, das ich vom Schaukeln kenne. Nach einigen Stunden Schaukeln im Wohnzimmersessel bin ich da. Natürlich benutze ich jetzt heutige Begriffe, aber ich bin mir sicher, dass ich damit Empfindungen beschreibe, die ich damals tatsächlich habe, aber nicht genau benennen kann. Ich habe mich ins Hier und Jetzt hinein geschaukelt. Ich bin, jedenfalls für einige Augenblicke, mit allen Sinnen und Gedanken anwesend. Jedoch ist dieses Empfinden immer mit Schuldgefühlen und folgerichtig mit leiser Angst vor Bestrafung verbunden. Es ist, als hätte ich mich sozusagen durchgekämpft in einen Freiraum, um dann festzustellen, dass dort nichts ist und vor allem niemand. Dies ist ein Beschreibungsversuch, wie gesagt, aber er dürfte mein Erleben zumindest in nachvollziehbarer Annäherung erfassen.

Etwas Ähnliches geschieht mir bei meinen Erkrankungen. Ich huste mich gewissermaßen in die Gegenwart hinein, womit dann auch in Verbindung mit dem Abklingen des größten Fieberschubes nicht nur die körperliche Gesundung beginnt, sondern auch die eben schon angedeutete Erdung. Möglicherweise ist das der Sinn des Symptoms. Für einige Augenblicke fühle ich mich präsent und berechtigt dazu.

Es gibt, insbesondere beim Husten, mehrere Phasen meiner „üblichen“ Erkrankungen. Zunächst tritt der Husten nur sporadisch auf, sozusagen überraschend, und ist kaum zu unterscheiden vom Husten etwa beim Verschlucken oder beim sich Räuspern usw. Dann beginnt die quälende Phase, in der ich in zunehmend kürzeren und schließlich regelmäßigen Abständen belle, wie mein Vater halb belustigt, halb mitleidig zu sagen pflegt. Häufig kommen mir vor Wut die Tränen, weil ich, besonders nachts, nicht mehr husten will, aber husten muss. Hinzu kommt, dass mir im Laufe der Jahre derartige Mengen krampf- und schleimlösender Medikamente verabfolgt werden, dass die für den Durchschnittsbürger des Ost-Blocks erreichbaren Präparate kaum noch lindernd wirken. Schließlich aber erreiche ich die beglückende dritte Phase des Hustens, wenn sich was gelöst hat in der Lunge, wie meine Mutter das nennt. Es beginnt die eben angedeutete Genesungsphase mit der wohligen Ermattung beim Abklingen des Fiebers.

Diese Phase ist oft damit verbunden, dass ich eine Art Galgenhumor entwickle, den Erwachsene mit verblüffter Anerkennung wahrnehmen. Aus Gründen, an die ich mich nicht erinnern kann, ist einmal ein Maler in unserer Wohnung zu Gange, während normaler Weise mein Vater alle Renovierungsarbeiten selbst ausführt. Meine Mutter beauftragt mich nun, den Maler, der in meinem Zimmer bei der Arbeit ist, zum Mittagessen einzuladen. Ich versuche das mit einer Formulierung, die ich im Gegensatz zu meinem üblichem „Genuschel“, wie mein Vater diese meine Wortmeldungen nennt, sehr sorgfältig artikuliere. An den genauen Wortlaut entsinne ich mich nicht mehr, aber ich deklamiere etwas wie „Du sollst in die Küche kommen, das alte Mädchen hat die Pfanne heiß!“ Diese Formulierung habe ich irgendwo aufgeschnappt, vermutlich bei einem der seltenen Besuche bei anderen Familien, die im Wohnzimmer bereits eines dieser Fernsehgeräte zu stehen haben.

Der Maler schüttelt sich vor Lachen und meine Mutter und mein Vater sowie schnell unterrichtete andere Erwachsene tun es ihm nach. Ich merke aber deutlich, was da geschieht. Auch das ist kein nachträgliches hinein Deuten, vielmehr ich den Sachverhalt zwar noch nicht klar auszudrücken vermag, ihn aber deutlich empfinde. Ich muss irgend etwas angesprochen haben, was die großen Leute förmlich aufscheucht, ich habe da etwas Zentrales angetippt; vermutlich etwas mit dieser komischen Sexualität.

Derartige mich selbst überraschende Teilnahme am Geschehen entwickle ich regelmäßig in diesen Genesungsphasen. Ich habe keine Geschwister und besuche keine Kinderkrippe und keinen Kindergarten. Mein Tagesablauf besteht in großen Teilen in der Bewältigung dieser in Wellen wiederkehrenden Erkrankungen, die ich absolviere wie Bergsteigen oder sich einen Weg durch einen Dschungel bahnen. Am Ende ist dann immer dieses wie eine kleine Geburt anmutende Auftauchen aus Schmerz und Fieber, das ich manchmal sogar herbei sehne, wenn ich wieder einmal in diese Phase des Bellens zu geraten drohe, und das ich immer genieße.

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„Ach, wären wir bloß allein geblieben!“, ist einer der Lieblingssätze meines Vaters. Mit „wir“ meint er sich und mich unter Ausschluss meiner Mutter, die er bei jeder Gelegenheit als Wurzel alles Bösen und Quelle alles Üblen darstellt. Ich komme gar nicht auf den Gedanken, ihn zu fragen, warum er die Frau dann überhaupt geheiratet hat. Die berüchtigte Schere im Kopf ist größer und wird früher angesetzt, als ich wahrzunehmen vermag.

Zudem ist dies einer der Sätze, die mich durch meine ganze Kindheit begleiten. Es gibt mehrere solcher Sätze, die mein Vater in den Raum stellt, als wolle er eherne Gesetzestafeln installieren. Natürlich zähle ich nicht mit, aber dieser Satz kommt bestimmt einige Dutzend Male. Oft ist die Äußerung des Satzes begleitet von einer für meinen Vater überaus typischen, ja, der typischen Handbewegung – diesem abkippen Lassen der Hand aus dem Gelenk. Diese Geste führt mein Vater meist derart müde und resigniert aus, dass man zögern muss, von „Abwinken“ zu sprechen. Der Betrag der für diese Geste verwandten Energie reicht nicht aus, um diese Bezeichnung zu rechtfertigen. Es hat eh‘ alles keinen Sinn! Alles Haschen nach Wind!

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Eines der Schlüsselerlebnisse meiner Therapie-Versuche, die ich insgesamt für gescheitert halte, ist die erste Stunde Kunsttherapie im Haus der ewigen Kindheit. Das Thema lautet „Überraschung“. Ich male einen Dinosaurier, der in einem oberen Stockwerk in ein Zimmer hineinblickt. Ich bin selbst erheitert, dass ich noch geraffte Gardinen vor das Fenster gemalt habe, wie sie für biedere Idyllen typisch scheinen.

Verblüfft bis zum seltenem Zustand der Sprachlosigkeit bin ich über die Interpretation meines Bildes durch den erfahrenen Kunsttherapeuten, den Archetypen C. G. Jungs entsprechend „der alte Weise“. Der Mann sieht bei der Auswertung unserer Zeichen- und Malversuche kurz auf mein Bild und bemerkt sinngemäß, dies wäre eine stilisierte Puppenstube und ich hätte als Kind nicht wirklich spielen können und dürfen. Diese ist eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen ich mich gesehen fühle.

Irgendwann in den Ferien der vierten Klasse spiele ich geradezu manisch ein Spiel, das mir selbst damals schon nicht geheuer ist und das ich heute erst recht grotesk finde. Ich stelle „Haushaltspläne“ auf. Ich habe mich genau erkundigt, was z. B. ein Diplomingenieur in verschiedenen Führungsfunktionen verdient, wie hoch die Miete für die in der Stadt angebotenen Wohnungen ist, was verschiedene Kfz. kosten usw. Ich stelle nun exakte Pläne auf, wann ich mit dem Studium fertig bin, wann ich heiraten werde, wann der erste Trabant geliefert werden könnte usw. Die Pläne gehen bis über 2000 hinaus. Ich schreibe mit ihnen mehrere dieser mit Hilfslinien versehenen Schreibhefte voll, mit denen in der Grundschulstufe Schreiben gelernt und normgerechte Schönschrift geübt wird und von denen ich einige aus dieser Zeit übrig habe.

Natürlich spielen Kinder immer „Vater-Mutter-Kind“. Aber das mindestens Merkwürdige an diesem Spiel ist nicht, dass ich es allein spiele, sondern – dass diese Pläne realistisch sind! Es hätte so kommen können, wäre mein Leben normal verlaufen, hätte ich einen geraden Lebenslauf gehabt usw.

Nur schnell erwachsen werden! Kein Kind mehr sein müssen, mit Gefühlen! Vor allem mit Schmerz und Trauer, in deren anfallsartiger Entladung man so entsetzlich allein und verlassen ist.

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Es gibt Wochen bis etwa zu meinem zehntem Lebensjahr, in denen ich täglich von meinem Vater verprügelt werde. Das Schlimmste daran ist für mich, dass ich mich geradezu verbissen bemühe, artig zu sein und damit alles noch verschärfe. Es ist wie in diesen Situationen, in denen man sich mit der Anspannung des ganzen Körpers darum bemüht, etwas nicht fallen zu lassen und dann durch diese Verkrampfung erst recht stolpert, irgendwo gegen läuft und das Geschirr fallen lässt.

Zudem wiederholt sich ein bestimmter Ablauf immer wieder. Ich bemühe mich, und eben verbissen und krampfhaft, den Auflagen meines Vaters zu folgen und werde genau dafür abgestraft. Zum Beispiel bewertet mein Vater unzählige Male meine Mutter in ihrer Abwesenheit abfällig und weist insbesondere darauf hin, dass sie mich meiner Meinung nach verpimpeln würde usw. Er lässt immer wieder durchblicken, deutlich oder in Andeutungen, dass er sich mich jungenhafter wünschen würde, d. h., aufsässiger, schalkhafter, zupackender, lauter usw. Nun bemühe ich mich, diesen Anforderungen zu entsprechen, indem ich zum Beispiel in Gegenwart Bekannter, die meiner Mutter und mir in der Stadt begegnen, eine abfällig witzige Bemerkung meines Vaters über meine Mutter wiederhole. Meine Mutter berichtet dann meinem Vater abends, wenn er aus der Dienststelle heim kommt, ich wäre nicht artig gewesen, und mein Vater bestraft mich dafür, dass ich mich bemüht habe, seinen Wünschen und Forderungen zu entsprechen.

Ich spüre, wenn es wieder so weit ist. Einige Jahre später kann ich aus den Geräuschen, die meine Eltern beim Einführen des Wohnungsschlüssels, beim Betreten der Wohnung, beim Abstellen der Schuhe usw. machen, auf ihre Stimmung schließen. Ich weiß dann, ob ich mich aus der Schusslinie bringen muss oder mich um Kontakt bemühen kann.

Ich verharre bei geschlossener Tür in meinem Zimmer in einer Art Bereitschaftshaltung, wie ein Feuerwehrmann auf der Wache, der ständig mit Alarm rechnet. Eigentlich müsste meinem Vater diese Haltung gefallen, da er sich über längere Zeit bemüht, mich militärisch zu erziehen. Er hat mir mehrfach von den Kadetten-Anstalten erzählt, die ihm erklärtermaßen als Vorbild dienen.

Dann geht die Tür auf und mein Vater kommt herein, greift mich mit der einen Hand und beginnt mich mit der anderen Hand zu verprügeln. Mein Vater war einmal Boxsportler und er hat immer noch überdurchschnittliche Kräfte. Oft kann ich mich der haltenden Hand entwinden, aber der Vater schlägt weiter zu und trifft auch fast immer mein Gesäß und meine Oberschenkel. Es gibt kein Entkommen, ich bin ihm ausgeliefert. Meist benutzt er einen Teppich-Klopfer, manchmal auch das Koppel seiner Dienstuniform. Im Laufe der Jahre werden auf diese Weise drei oder vier Teppich-Klopfer verbraucht, worauf später meine Stiefmutter im Bekanntenkreis stolz verweist.

Obwohl ich weiß, dass mein Vater das für einen Ausdruck von Verweichlichung hält, fange ich nach kurzer Zeit an zu weinen. Oft versuche ich, mich in einer Art Tanz den Schlägen zu entwinden und schreie dabei etwas wie „Vatichen, Vatichen – nicht hauen!“ Das macht ihn immer noch wütender. Manchmal macht er sich über mich lustig, indem er mich nachäfft, „Vatichen, Vatichen!“

Auch hier habe ich ein deutliches Empfinden, das ich nur noch nicht in Worte fassen kann – auch hier ist es kein nachträgliches Hineindeuten, wenn ich es nachträglich in Worte zu fassen versuche. In gewissem Sinn bestätigt mein Vater meine Wahrnehmung durch seine immer erneut wiederholten Textbausteine. Er droht nicht nur, mich windelweich zu prügeln, sondern auch, sich zu vergessen. Letzteres ist zutreffend – ich spüre diesen ruckartigen Übergang! Der meint gar nicht mich! Ab diesem Kipp-Punkt prügelt er gewissermaßen auf etwas Abwesendes oder jemand Abwesenden ein.

Die einzige Episode, an die ich mich erinnern kann, in der meine Mutter für mich Partei ergreift oder überhaupt eine Meinung zum Geschehen äußert, ist eine dieser Prügelstrafaktionen, nach der ich nicht nur Striemen und blaue Flecke aufweise, sondern mir etliche Tropfen Blut die Beine herunterlaufen.

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Zweimal in meiner Vorschulkindheit fahre ich in den Urlaub, einmal mit der Mutter nach Berlin und einmal mit dem Vater ins Dreiländereck im Süden des Landes. Meine Mutter hat in Berlin Verwandte; ich glaube, Geschwister. Mein Vater besucht mit mir seine Stieftante, wenn ich mich recht entsinne. Es scheint sich um die Frau zu handeln, die nach seiner Flucht aus Königsberg rechtliche Verantwortung für ihn übernommen hat.

Genauer weiß ich das bis heute nicht. Hier wirkt wieder diese Barriere, hinter der sich viele Kriegskinder zu sichern suchen und die mittlerweile Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen ist. Es bleibt bei Andeutungen, die oft in geradezu stereotypen Wendungen wiederholt werden. Wenn man mehr wissen will, werden Angehörige dieser Generation wütend, machen dicht. Das erlebe ich auch bei meinem Vater und unterlasse es selbst dann, ihn nach seinen Erlebnissen bei Flucht und Vertreibung zu fragen, wenn er seine Textbruchstücke dazu ohne Aufforderung ins Gespräch zu rücken beginnt.

Hinzu kommt, dass er, wenn er denn schon einmal seine gewissermaßen standardisierten Andeutungen etwa über Königsberg macht, immer wieder in diesen Ton mystischen Raunens gerät. Es hat den Anschein, als wolle er hinter den Worten mitteilen, dass es sich um schreckliches, aber gewissermaßen erhabenes Erleben handele, zu dem mir der Zugang verwehrt bleiben müsse. Es ist etwas ganz Eigenes, ganz Besonderes um seine Vergangenheit, und die Frau, zu der wir in den Urlaub fahren und die ich „Oma“ nennen soll, gehört dazu.

Was man als Kind im Kreis der nächsten Menschen, meist der Familienangehörigen erlebt, muss man umso mehr als normal sehen, desto weniger Vergleichsmöglichkeiten man hat. Erst als körperlich Pubertierender bemerke ich, was Familienleben sein kann und bei anderen Kindern in der Tat ist. Man unternimmt etwas gemeinsam, man lädt Leute ein, man feiert usw.

Alles das kenne ich aus meiner Familie nicht. Verwandte meiner Mutter gibt es offenbar, aber die wohnen weit weg und haben uns nie besucht. Es gibt gelegentliche gegenseitige Kartengrüße zu Weihnachten usw. Meinem Vater ist vermittelt worden, dass er Vollwaise wäre. Erst wenige Jahre vor dem Mauerfall erfährt er, dass seine Familie nach der Vertreibung in der damaligen BRD gelebt hat. Freundeskreise erlebe ich bei meinen Eltern nicht. Es gibt einige wenige Bekannte, die in unregelmäßigen Abständen aufgesucht werden, in der Regel aber nur von meiner Mutter und mir.

Ich kann mich nur an wenige Gelegenheiten erinnern, bei denen meine Eltern während meiner Vorschulkindheit ausgegangen sind, wobei es sich wahrscheinlich meist um gewissermaßen offizielle Anlässe wie Empfänge und dgl. gehandelt haben dürfte. Es gibt auch keine gemeinsamen Familienunternehmungen in der Wohnung oder draußen. Meine Mutter nimmt mich bei ihren mehrmals wöchentlich unternommenen Gängen in die Stadt, in der Regel zum Einkaufen, gezwungenermaßen mit, weil sie mich etwa bis zu meiner Einschulung nicht allein in der Wohnung lassen soll und will. Mein Vater zelebriert mit mir über viele Jahre hinweg an Wochenenden, meist an Sonntagen, diese beinahe ritualisierten Stadtrundgänge und vor allem Wanderungen durch Waldstücke auf der Insel und am Stadtrand.

Der Alltag besteht im Wesentlichem darin, dass mein Vater unlustig bis widerwillig in die Kaserne geht, meine Mutter die Wohnung putzt, Wäsche wäscht und einkauft und ich, wenn ich nicht krank bin, immer einmal wieder Versuche unternehme, mit Kindern auf dem Hof zu spielen. Es sind dort selten Kinder außer mir, da ich das einzige Hauskind im Quartier zu sein scheine. Die anderen Kinder besuchen alle Kinderkrippen und Kindergärten.

Ich kenne das, wie bereits angedeutet, nicht anders, für mich ist das normal. Ich hätte auch nicht sagen können, ob mir etwas gefehlt hätte. Jahrzehnte später fallen mir zur Familienatmosphäre meiner ersten zehn Lebensjahre immer wieder die Worte „Schockstarre“ und „Wartesaal“ ein. Worauf gewartet wird, ist nicht hinreichend klar. Traumatisierte Lebewesen verharren in der Höhle und halten still. Dies ist jedoch wiederum keineswegs typisch für unsere sozialistischen Menschen.

Nun aber diese Urlaubsfahrten! Ich bin überzeugt, dass beide Eltern angesichts der Erschütterungen ihres Alltags durch diese außergewöhnlichen Ausflüge psychosomatische Symptome entwickelt haben. Von meinem Vater weiß ich nicht nur recht früh, dass er Magengeschwüre hat, sondern entsinne mich auch deutlich seiner diesbezüglichen Anspielungen etwa des Inhalts, er würde seinen Ärger runter schlucken usw.

Beide Eltern wirken im Urlaub völlig verändert, beinahe wie andere Personen als die von mir im Alltag erlebten, und dies deutlich über das normale Maß von Ferien- und Feierlaune hinaus. Bei meinem Vater kenne ich diese Gelöstheit, ja, Bekundungen von Lebensfreude bereits andeutungsweise von den zeremoniellen Sonntagsspaziergängen.

Meine Mutter scheint dagegen geradezu wie ausgewechselt. Sie macht mir sogar Angst, weil sie sich mir zuwendet in einer Art, die ich nur von außenstehenden Erwachsenen kenne. Es ist, als wäre sie aus einer Art Schlaf erwacht und würde sich plötzlich leicht schuldbewusst mit den Tatsachen ihres Lebens ernsthaft auseinandersetzen, zum Beispiel mit der, dass sie einen Sohn hat.

Natürlich bin ich als etwa Fünfjähriger völlig unfähig zu begreifen, dass meine Wahrnehmung der Stadt etwas mit dem Auftauchen meiner Mutter aus ihrer Depression zu tun hat. Von dieser Reise mit meiner Mutter nach Berlin bleibt jedoch zuerst und vor allem eine Art magische und durch nichts zu erschütternde Erkenntnis, beinahe eine Art Erleuchtung – Berlin ist der Ort der Erfüllung! Irgendwann muss ich dort hin, dort ist das wirkliche Leben, dort werde ich landen, ankommen, Erfolg haben usw.!

An Details erinnere mich dagegen kaum. Einmal begleite ich meine Mutter in die Kleingartenanlage, in der ein Onkel eine Parzelle besitzt. Den stärksten Eindruck machen auf mich zahlreiche Nacktschnecken, die sich über den erstaunlich breiten Hauptweg der Kolonie wie in Zeitlupe bewegen, sowie ein Vogel, der in der Datsche in einem Käfig sitzt und das farbenprächtigste Tier ist, das ich bis dahin gesehen habe. Es könnte ein Papagei gewesen sein. Der Onkel macht sich darüber lustig, dass ich mich vor den Nacktschnecken ekle.

Dann erlebe ich eine Episode, die zu einer der privaten Legenden wird, wie sie es in den meisten Familien zu geben scheint. Ich habe beim Spielen irgendwo Kissen herunter geworfen, bedeutsame Kissen, offenbar weniger zum Gebrauch als zur Zierde und zur Repräsentation gedacht.

Aber es wird schnell klar, dass es nicht um die Kissen geht, sondern um Grundsätzliches, das eigentlich schon immer klar war und sich nun wieder einmal exemplarisch bestätigt hat und daher ausführlich diskutiert werden muss. Deswegen hat dieses Erlebnis auch nichts Negatives für mich, obwohl ich der Urheber des Sturms im Wasserglas bin. Vor allem bestraft mein Vater mich nicht nur nicht, als meine Mutter wie üblich zum Rapport erscheint, um den Grad der Ausprägung zu bewerten, in dem ich artig war, vielmehr er zu meiner Verblüffung geradezu triumphiert.

Diese dürfte eine der wenigen weiteren Gelegenheiten sein, bei denen ich etwas erlebe, dass auch in anderen Familien vorzukommen scheint. Mit Worten, sinngemäß, und vor allem ohne Worte teilt mein Vater geradezu hämisch erfreut etwas mit wie „Habe ich doch gleich gesagt – Du und Deine Verwandtschaft!“ Womöglich deshalb bleibt diese auch mein einzige Begegnung mit Verwandten meiner Mutter.

Aber ein weiteres Wort hat sich gewissermaßen auf die Festplatte meines Gehirns gebrannt – Köpenick. Das hat wieder etwas mit dem atmosphärischem Erleben zu tun, das sich schwer in Worte fassen lässt, weniger mit konkreten Eindrücken. „Köpenick“ steht hier für nicht vermutete und bisher nicht erlebte Weite, Großräumigkeit und Großzügigkeit von bebauter Stadtlandschaft selbst in der Großstadt sowie für die darin zu findenden Grünstücken wie Parks, Wäldchen, vor allem aber die endlosen, von riesigen alten Bäumen beschatteten Alleen.

Es könnte sein, dass mein Erleben dieser Alleen deshalb geradezu aufwühlend ist, weil sie mich an die legendären Baumalleen erinnern, deren Existenz mein Vater bereits in seinen stereotypen Formeln, mit denen er von Ostpreußen erzählt, angedeutet hat. Hier bin ich mir aber nicht sicher, ob ich konstruiere, etwas an den Haaren herbei ziehe usw. Ich halte es jedoch nicht für ausgeschlossen, dass meine erlebten Eindrücke von den erzählten meines Vaters verstärkt werden.

Zudem sind meine schönsten Erlebnisse während der späteren vielen Ferienlageraufenthalte unter anderem die Wanderungen durch solche Alleen, die mich derart beschwingen, dass ich manchmal laut zu singen beginne, was ich während meiner gesamten Vorschulkindheit nie getan habe.

Schließlich erlebe ich dieses sehr starke, aber kaum zu beschreibende Empfinden bis zum aufgewühlt Sein bei Märschen während meiner Armeezeit, die durch derartige Alleen führen. Da ist irgend etwas, da lockt und ruft etwas. Ich nehme mir vor, nach der Rückkehr in die Freiheit, d. h., nach der Entlassung aus meinem Wehrdienst, alle diese Orte ländlicher Schönheit wie aus einer vergangenen Epoche noch einmal freiwillig und allein aufzusuchen. Ich tue das jedoch nicht ein einziges Mal.

Nachdem ich mit 22 eine Prenzlauer Berghütte besetzt habe, um am höherem Leben im Ort der Erfüllung Berlin endlich teilhaben zu können, wandere ich immer wieder nach und durch Köpenick. Diese eher Fußmärsche als Spaziergänge zu nennenden Ausflüge zelebriere ich ähnlich zwanghaft und traumhaft-tranceartig, wie ich die Sonntagsspaziergänge mit meinem Vater in meiner Vorschulkindheit erlebt habe.

Ich suche dort offensichtlich etwas, geradezu getrieben. Ich suche eine Art Anschluss an die Kindheit? Oder überhaupt eine wirkliche Kindheit, in der die Mutter derart offen und zugewandt sein würde, wie ich sie bei dem einzigem mit ihr verbrachtem Urlaub erleben durfte? Ich suche den Ort, an dem ich nicht immer wieder aus der sogenannten Realität kippen, gewissermaßen in Trance gehen muss? – Ich weiß es nicht…

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Der erste und letzte Urlaub, in den ich allein mit meinem Vater fahre, steht dagegen am Anfang unter dem Zeichen vermeintlich männlicher Ertüchtigung und Abhärtung.

Mein Vater und ich werden von zwei Bekannten oder Verwandten der „Oma“ auf Mopeds vom Bahnhof abgeholt. Ich habe noch nie auf einem Zweirad gesessen, nicht einmal auf einem Fahrrad, und ich war noch nie in einer Stadtlandschaft mit derartigem Gefälle. Zwar gibt es unweit meiner Heimatstadt Hügel, die ähnlich hoch sind wie die jetzt am Beginn des Urlaubs rasant befahrenen, aber die sind nicht derart steil ansteigend oder abfallend und führen vor allem nicht durch dicht bebautes Gelände.

Wobei „Bebauung“ in diesem südlichem Städtchen etwas ganz Anderes ist als in meiner Heimatstadt. Hier kleben die Häuser und Häuschen geradezu aneinander und die Straßen sind derart eng, dass es mich wundert, dass zwei Autos nebeneinander fahren können und gar in entgegengesetzter Richtung. Dazu gibt es fast überall Kopfsteinpflaster und kaum asphaltierte Straßen.

Ich habe Angst und mein Vater amüsiert sich darüber und ist leicht angewidert. Das kenne ich von den Sonntagsprüfungen. Ich entspreche wieder einmal nicht den Anforderungen, die mein Vater an einen Sohn stellt, und werde das wohl auch nie.

Die atmosphärischen Wahrnehmungen, oder wie immer man dieses psychische Phänomen nennen mag, sind auch hier stärker und nachhaltiger wirksam als einzelne Eindrücke von Landschaften, Gebäuden und sogenannten Sehenswürdigkeiten. Auf der langen Zugfahrt bin ich erst verwundert und dann zunehmend begeistert über die anhaltend gute Laune meines Vaters, die ich nicht mit der erfreulichen Tatsache in Verbindung zu bringen vermag, dass er nun zwei oder drei Wochen nicht jeden Morgen in den Saftladen muss.

Aber da ist noch etwas, das ich wiederum schwer in Worte fassen könnte, wenn mich jemand danach fragen würde, was aber ohnehin niemand tut. Desto südlicher wir in der Bahn kommen, und dies zudem auf Regionalstrecken mit langsamer Fahrt, desto ungewöhnlicher wird die Landschaft. Ich habe bis zu dieser Urlaubsreise keine Erhebungen dieser Höhe erlebt, die man bald mit wirklicher Berechtigung „Berge“ nennen kann, und keine Waldstücke dieser Größe gesehen, die zudem vornehmlich aus Laubbäumen bestehen und nicht aus Kiefern. Wenige Jahre nach dieser Urlaubsfahrt höre ich zum ersten Mal die offenbar verbreitet bekannte Verballhornung meiner Heimatlandschaft. Man spricht ironisch bis deutlich erheitert vom „Land der drei Meere – Kiefernmeer, Sandmeer, gar nichts mehr“.

Vor allem aber sind die Städte und Dörfer ganz anders als die mir aus meiner Heimatlandschaft bekannten. Es gibt auch einen Altstadtteil in meiner Heimatstadt sowie einen Ortsteil, der eigentlich ein Dorf ist, in das der Stadtkern nahtlos übergeht. Aber in diesem Dorf bin ich bis dahin noch nicht gewesen oder ich kann mich nicht an Besuche erinnern, und den altstädtischen Ortsteil habe ich nur gelegentlich mit meiner Mutter zum Einkaufen besucht. In dieser Altstadt gibt es Gebäude, ja, ganze Straßenzüge, die deutlich anders aussehen als die Wohnkomplexe der Planstadt, in der ich geboren wurde und aufgewachsen bin.

Ich entsinne mich deutlich, einmal mit meiner Mutter in einem Laden gewesen zu sein, der wie aus einer anderen Welt wirkte. Man ging einige Stufen nach unten, die Eingangstür war aus massivem Holz, so dass man sie nur mit einer gewissen körperlichen Anstrengung öffnen konnte, die Holzstufen der Treppe knarrten und beim Eintreten in den Laden ertönte Geklingel von Glöckchen.

Vor allem aber – der Geruch! Etwas zwischen leichtem Modergeruch von feuchten Wänden, Gasgeruch und den Ausdünstungen von Inventar aus Holz, das über viele Jahre hinweg benutzt und beansprucht und unzählige Male mit Politur, Bohnerwachs usw. behandelt worden ist. Wenn ich etwas benennen sollte, das ich in meiner Kindheit als zauberhaft oder märchenhaft erlebt hätte, dann wären es diese Räume in der Altstadt. Ein sogenannter Kurzwarenladen, ein altes Postgebäude, ein Bäcker, eine Buchhandlung. Eine Art bruchstückhaft zusammen gestellte Kulisse aus anderen Zeiten, anderen Räumen.

Die Dörfer und Städte, an denen vorbei ich nun mit meinem Vater in den Urlaub fahre, scheinen sozusagen geschlossene und vollendete Ausführungen dessen zu sein, was ich in dem ältestem Ortsteil meiner Heimatstadt als Überreste, Andeutungen oder Rückstände erlebt habe, die immer mehr verfallen. Zudem gibt es hier unzählige Kirchen, Burgen, Schlösser und ähnliche Überbleibsel einer versunkenen Zeit.

Ich bin mir sicher, nicht nachträglich zu verfälschen mit der Behauptung, dass ich schon beim Vorbeifahren an diesen Landschaften und Orten und erst recht bei ihrem in den nächsten Wochen erfolgendem Durchwandern mit meinem Vater das Gefühl von Weite, Größe, Helle, von ins Freie kommen habe. Das hat natürlich etwas mit der wunderbaren Aufgekratztheit meines Vaters zu tun. Aber das ist es nicht allein. In einer Art Wellen, die ich insbesondere aus den Genesungsphasen meiner Krankheiten kenne, steigt mächtige, fast schmerzhafte und dennoch angenehme Sehnsucht in mir hoch, die zu benennen ich vollends unfähig bin.

Meine „Oma“ erweist sich als sehr milde und freundliche Frau. Sie reiht sich beim Anblick meines mageren Körpers in die Gruppe der Erwachsenen ein, die sich verpflichtet zu fühlen scheinen, mich aufpäppeln zu müssen, mich im wörtlichem und im übertragenem Sinne füttern zu wollen. Auch sie hat dabei keinen Erfolg, zumindest nicht, was die angestrebte Gewichtszunahme angeht. Ihre Zuwendung ist mir unangenehm.

Die „Oma“ bewegt sich jedoch, obwohl sie kein wirkliches Großelternteil ist, in dieser Supervisor-Position, wie sie viele Großeltern einnehmen. Weil sie gewissermaßen bereits einen Generationsdurchlauf bewältigt haben, sind sie lockerer, freier, toleranter usw. in allem, was Kinder und die mit deren Erziehung verbundenen kleinen Katastrophen angeht.

Wahrscheinlich erzeugt diese gelassene Grundhaltung viel mehr einen gewissen Urlaubseffekt als die schöne Landschaft und die sprichwörtlich gute Luft, die gerade mir als von Lungenkrankheiten gebeuteltem Vorschuljungen natürlich gut tut. Einige Kilometer vom Dorf meiner „Oma“ entfernt ist ein bekannter, ja in gewissem Maße berühmter Luftkurort.

Einzigartig ist und bleibt ihre selbst gebackene Käsetorte. Ich habe nie wieder derart hohe aus Quark gebackene Kuchen gesehen, geschweige denn gegessen, und mir ist es bei zahlreichen Versuchen nicht gelungen, ein derartiges Meisterstück im doppeltem Sinne hoher Backkunst herzustellen.

Auch hier sind wieder die Gerüche das Wichtigste! Das ganze Haus, in dem meine „Oma“ zwei große Räume bewohnt, riecht ein bisschen wie ein Verkaufsraum in den Läden des altstädtischen Ortsteils meiner Heimatstadt. Es riecht gewissermaßen nach langer Vergangenheit. Die Wohnblöcke, die ich kenne, und die oft jünger sind als ich, riechen eigentlich nach gar nichts. Das ändert sich erst mit dem Beginn der industriellen Wohnungsbaues in Plattenbauweise. Insbesondere in den dann errichteten Hochhäusern mieft es nach Müllschlucker.

Die große Wohnküche duftet jeden Morgen nach Kaffee, viel intensiver als unsere Küche, wenn mein Vater früh seinen gewissermaßen obligatorischen Becher Kaffee trinkt. Meine „Oma“ verwendet Würfelzucker, den ich geradezu sensationell finde. Um ihn umzurühren, benutzt man schwere Kaffeelöffel mit geschwungenen und verzierten Griffen. Diese kleinen, scheinbar banalen Details führen wiederum viel intensiver zum Empfinden einer Art angenehmen Ausnahmezustands im Sinne von Urlaub als gewaltige Kirchen und andere historische Gebäude, in die mich mein Vater führt.

Aber dann ist da auch der Geruch der Tannen- und Fichtenwälder. Richtige Wälder, wie ich sie insgeheim nenne. Ich kenne aus meiner Heimatstadt nur Waldstücke, für deren Durchquerung man eine Viertelstunde, höchstens eine halbe Stunde braucht. Hier kann man stundenlang durch eine Art natürlich gebildetes schwarzgrünes Gewölbe wandern, ohne dass ein Ende des Waldes abzusehen ist.

Auch die mit verschiedenen Getreidesorten bepflanzten Felder duften stark, insbesondere nach heftigem Sommerregen nach langer Hitze. Schließlich ist der Garten vor dem Haus meiner „Oma“ ein kleiner Paradiesgarten, in dem zahllose Sträucher und Blumen blühen, die ich noch nie gesehen habe.

In diesem Garten gibt es eine kleine Laube, in der ich eine der höchstens zehn kurzen Episoden meines Lebens erlebe, von denen ich mit heutigen Begriffen sagen würde, dass ich darin ganz da gewesen wäre, ganz im Hier und Jetzt anwesend.

Es ist August, wenn ich mich recht entsinne. Wahrscheinlich kann es gar nicht sein, trotz noch nicht eingeführter Sommerzeit, dass es abends bis gegen halb elf, elf Uhr hell ist, d. h., immerhin noch soviel Tageslicht wirkt, dass man etwa die Zeit von einer Uhr ohne Leuchtmarkierungen ablesen könnte oder etwas in einem Buch lesen. Lesen kann ich zu dieser Zeit noch nicht, ich kenne nur einzelne Buchstaben und errate häufig Wörter. Aber in meiner Erinnerung hält diese Art Dämmerung, die ich später in den Schilderungen etwa der Weißen Nächte in St. Petersburg wiederfinde, bis weit nach zweiundzwanzig Uhr an. Vielleicht handelt es sich tatsächlich um ein singuläres Wetterphänomen.

Eigentlich geschieht gar nichts – aber genau das ist das Eigentümliche, ja, Bezaubernde meines Aufenthaltes in dieser Laube. Ich sitze, ohne Ermahnung oder Drohung, still, ohne Zappeln, in dem paradiesischem Garten in dieser kleinen Hütte, die man auch ohne die Neigung zur Romantik als märchenhaft bezeichnen dürfte. Angenehm ungläubig, ja, in einer Art milden Betäubung, die ganz anders ist als meine tranceartigen Zustände während der vielen Krankheitsmonate, bade ich geradezu in diesen unwirklich schönen Lichtspielen eines Hochsommerabends in im mehrfachem Sinne heilsamer Landschaft. Immer wieder kommt in kurzen, schwachen Stößen warmer und sanfter Sommerwind auf, der die Bäume hinter dem Grundstück leise rauschen lässt und den Duft reifer Getreidefelder herüber weht und das Abendkonzert zahlloser Grillen und wahrscheinlich vieler anderer Insekten. Es könnte immer so bleiben, aber mir ist natürlich damals schon klar, dass das nicht geht.

Es ist, als wäre ich mit Allem und Jedem in guter Weise verbunden, als würde ich einen Augenblick völliger Harmonie erleben. Dies, obwohl ich für mindestens eine Stunde völlig allein bin. Ein Moment der Loslösung, des völligen „separat Seins“, paradoxerweise im Moment des Empfindens dieser seltsamen Verbundenheit mit allem über meine Person hinaus Gehendem. Ein Augenblick des sich als autonom und verbunden Empfindens ohne Ängste, Zwänge und Schuldgefühle.

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Ein letzter Höhepunkt der besonderen, weil ganz persönlichen Art ist der Abschluss dieser Reise. Buchstäblich auf den letzten Kilometern der Heimfahrt, im Bus vom Bahnhof meiner Heimatstadt zum heimischem Wohnkomplex, scheint aus meinem Vater in einer kleinen Eruption die übermütige Lebensfreude heraus zu sprudeln, die er in den vergangenen Urlaubswochen in bisher von mir nicht erlebtem Maße entwickelt hat.

An der Haltestelle vor der letzten großen von der Buslinie gequerten Kreuzung gegenüber der nordöstlichen Ecke des großen Krankenhausgeländes stiert mein Vater theatralisch aus dem Busfenster und deklamiert „Die Äste vögeln von Hüpf zu Hüpf!“ Ich lache darüber minutenlang, bis zur Endhaltestelle, und auch noch nachher zu Hause. Meine Mutter ist, wie die meisten Frauen, wie ich in den folgenden Jahren feststellen muss, nicht angetan von dieser Wortverdreherei, die mein Vater als „Wechstaben verbuchseln“ bezeichnet, was bei mir einen weiteren Lachanfall auslöst.

Aber ich bin von dieser Episode an beinahe zwanghafter Liebhaber von Wort- und Sprachspielen und später begeistert von den Sprachzauberern unter Schriftstellern, wie etwa Raymond Queneau. Bei der Lektüre von „Zazie in der Metro“ einige Jahre nach diesem Urlaub werde ich in meiner Lese-Ecke am Kinderzimmerfenster derart von Lachsalven gebeutelt, dass es sogar mir selbst nicht geheuer ist.

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