Eine Art Vorwort

Ein Schriftsteller hat einmal sinngemäß erklärt, dass sich Künstler in zwei Gruppen einteilen ließen. Einmal gäbe es diejenigen, denen es gelungen wäre, sich von allen Fesseln oder jedenfalls behindernden Bindungen ihres Herkommens zu befreien. Sie würden dann gleichsam täglich neue Welten entdecken und erkunden. Dann wären da die Anderen, die glücklich oder zumindest zufrieden wären, mit fünfzig die Zimmer ihrer Kindheit malen oder beschreiben zu können. Nun weiß ich nicht, ob ich ein Künstler bin. Ich hatte jedoch seit dem Beginn künstlerischer Versuche immer die Sehnsucht, zu der ersten Gruppe zu gehören. Immer wieder musste ich dann einsehen, unfreiwilliges Mitglied der zweiten Gruppe zu sein.

Alle Versuche der Erklärung meiner Absicht, etwas wie eine Autobiografie schreiben zu wollen, erscheinen mir abgeschmackt, weil sie von -zig Autobiografen bereits angebracht wurden. Zudem scheint nicht nur in meinem, sondern auch im über meine Person hinaus wirkendem Sinne der Punkt längst überschritten, bis zu dem Schreiben sinnvoll schien. Ich versuche trotzdem, weiter zu schreiben. Schon am Wendepunkt meines Lebens in meinem 25. Lebensjahr bin ich in diesem Zusammenhang auf das Bild einer defekten analogen Uhr gekommen. Die Zeiger sind abgebrochen, die Zahlen zerkratzt, aber die Uhr läuft trotzdem weiter, weil die Feder noch nicht entspannt ist. Dieses dürftige Gleichnis könnte vielleicht jedoch nicht nur auf mein Schreiben zutreffen, sondern auf mein Leben ab diesem Wendepunkt überhaupt.

Dennoch immer wieder die Frage, wie ich es schaffen könnte, am Schreiben derart zäh dran zu bleiben wie an etlichen meiner Werktätigkeiten als ungelernter Hilfsarbeiter. Mit deren verbissenem Durchhalten wollte ich etwas beweisen, es jemanden zeigen und im Grunde wohl wieder meine Eltern bestrafen.

Zudem wird mir bei diesem Versuch auch gefühlsmäßig klar, nicht nur mit dem Kopf, dass auch oder gerade Schreiben mit Bindung und Verbindlichkeit zu tun hat. Ich wollte offenbar immer Texte erstellen, die zu niemandem in Bezug stehen. Unter anderem dieser mangelnde Bezug behindert jedoch die Textproduktion immer wieder oder verunmöglicht sie gar. Das ist nur eines der zahlreichen Paradoxa, von denen mein Leben bestimmt wird.

Oft habe ich mich zumindest insgeheim lustig gemacht über Belletristik, die man „moderne Prosa“ oder „postmoderne Prosa“ nannte und in der nicht nur herkömmliche Erzählformen verworfen, sondern gar Rechtschreibung und Grammatik missachtet wurden. Jetzt scheint mir, derartige Texte könnten gleichfalls Versuche sein, dennoch und trotzdem zu sprechen.

Ich werde Fragmente aneinander reihen. Auch wenn das jetzt zynisch klingt, entspricht dies sogar den Verhaltensmustern moderner Medienkonsumenten. Man bekommt alles in kleinen Häppchen serviert, dazwischen kommt Werbung.

Was aber ist der rote Faden in meinem Leben? Ein erster vorsichtiger Versuch der Antwort auf diese Frage wäre die Erklärung, dass mein Leben erfüllt war vom Warten auf das richtige Leben. Irgendwo, irgendwann, mit irgendwelchen Leuten würde mein wirkliches Leben beginnen. Bis dahin gelte es auszuharren und durchzuhalten und immer weiter zu machen. Dieser unausgesprochenen Maxime bin ich schon gefolgt lange vor dem Zeitpunkt, zu dem ich mich in Marginal-Situationen zu lavieren begann, die für jeden Menschen nur Provisorien und prekäre Übergangslösungen dargestellt hätten.

Vielleicht macht es Sinn, die eigene Geschichte zu erzählen als Gruppierung von Darstellungsversuchen scheinbar banaler, aber subjektiv bedeutsamer, weil mit starken Emotionen verbundener Episoden. Wahrscheinlich liegt dieses Ordnungsprinzip vielen autobiografischen Erzählungen zugrunde, ohne dass es explizit angesprochen wird. Möglicherweise kommt es sogar zu jenem Umschlagen angehäufter Quantität in eine neue Qualität, das ich mindestens einmal bereits erlebt habe, beim Erstellen einer großen Website. Es könnte sich vielleicht um das Umschlagen handeln, das Hegel gemeint hat.

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