… so vergehen die Nächte, die auf Erden ihm gegeben sind…

Heute Nacht wurde mir von einer Souterrainwohnung geträumt. Gleichzeitig war sie, wie das in Träumen immer wieder möglich ist, ein Keller des Hauses, in dem ich bis zum 04.11.1980 den zweiten Teil meiner körperlichen Jugend absolvierte, sowie die Souterrain-Küche der letzten WG, in der ich wohnte.

Ein schwarzer Kater klettert aus dem Fenster. Ich ahne schon, was kommt. Kurz vorher habe ich quasi aus den Augenwinkeln wahrgenommen, dass die Scheibe eingeschlagen wurde. Offensichtlich ist der Kater durch das dabei entstandene Loch mit scharfen Scherben geklettert. Ein Blick aus dem Fenster bestätigt meine Befürchtungen – der Kater ist verletzt und blutet aus mehreren Wunden. Ich versuche, jemanden zu holen oder den tierärztlichen Notdienst anzurufen. Nicht nur gelingt das nicht, vielmehr ich wieder von diesem schwer zu beschreibendem Gefühl völliger Rat-, Ziel-, Halt- und Antriebslosigkeit ausgefüllt werde, als würde man mir dieses Empfinden einflößen. Ich erwache, wie oft an dieser Stelle unangenehmen erfüllt Seins. Prüfung nicht bestanden.

Dieser Keller in dem Haus, an dessen Stelle jetzt ein Rasen grünt, ist mit einem Schlüsselerlebnis verbunden. Es gab eine Zeit, in der mein märchenhaftes Stiefmütterchen Monate lang mit allem auf mich eingedroschen hat, was ihr zwischen die Finger gekommen war. Vor allem, weil es mich überhaupt gab. Das habe ich damals jedoch gar nicht als tragisch empfunden, ich habe mich einfach umgedreht, mich ein wenig zusammen gekrümmt und gewartet, bis sie fertig ist.

Einmal aber habe ich zurück geschlagen. Danach habe ich mich in besagtem Keller versteckt. Ich hatte fürchterliche Angst- und Schuldphantasien, zum Beispiel die, dass die Frau sich jetzt aus dem Fenster stürzen würde.

Es traf gewissermaßen das Gegenteil zu. Sie schien erleichtert, dass ich überhaupt einmal eine Reaktion entwickelt hatte. Es war nicht leicht mit Schizo Ron in der Familie! Nein, das ist nicht „witzig“ oder zynisch gemeint. Heute ist mir klar, dass meine Stiefmutter selbst eine arg gebeutelte Frau war. Das habe ich aber mit 12 oder 14 nicht realisiert, was auch nicht unbedingt altersadäquat gewesen wäre. Ohnehin sind Schuldzuweisungen Blödsinn. Ich halte es allerdings für sehr wahrscheinlich, dass mir, wenn ich Kinder hätte, auch die Hand ausrutschen würde usw. Das ist so drin, gewissermaßen reflektorisch. Zum Glück habe ich keine Kinder. Ein defensiver Problemlösungsversuch, aber es ist einer. Last not least hatten unsere sozialistischen Menschen nicht wirklich psychische Probleme wie etwa Neurosen; es handelte sich um Überbleibsel der alten Gesellschaft usw. usw. usf. Und wenn sie nicht gestorben sind, überwinden sie immer noch.

Warum schreibe ich das nun auf? – Weil ich gern ins Nest scheiße, genau! Na ja… – „Nest“. Jedenfalls habe ich einige Probleme mit Frauen, chch. Lassen wir das!

Mir ist auch durchaus klar, wie grotesk es ist, wenn mit fast 57 in meinen Träumen entscheidende Erlebnisse aus meiner Jugend reproduziert werden. Die konkrete Situation war nicht im Traum, wohl aber das atmosphärische Empfinden oder wie immer man das Phänomen nennen mag.

Ich muss seit der Lektüre von Ungers Autobiografie des Öfteren an das Zitat denken, das er auf dem Cover seines Buches anbringt*; ein Zitat aus dem gnostischen Thomas-Evangelium…

Wenn du hervorbringst, was in dir ist, wird dich, was du hervorbringst, erretten. Bringst du nicht hervor, was in dir ist, wird dich, was du nicht hervorbringst, zerstören.

Ja. Stimmt! Schön! – Bla.

* Auf dem Cover oder im Cover? – Ich werde nie Diplom-Autor, des seiest Du gewiss, herbe Dame Welt…

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