„Vom Start an kann man den Sieger erkennen […] auch den Verlierer…“*

Eine Art Vorwort

Die chronologische Reihenfolge bietet sich an und viele Autoren beginnen mit der eigenen Geburt und natürlich kann ich mich nicht an meine Geburt erinnern. Aber es gibt eine Geschichte, an die ich mich bezeichnender Weise erst mit über 40 Jahren wieder erinnert habe.

Meine Mutter hat diese Ur-Geschichte mehrfach erzählt. Ich glaube sogar, sie tat es immer beiläufig, als handele es sich um etwas Nichtiges oder jedenfalls Nebensächliches. Dieser Umstand erscheint mir erst heute leicht makaber. Meine Mutter behauptete, ich wäre von Kopf bis Fuß behaart zur Welt gekommen und sie hätte bei meinem Anblick, mit ihren Worten gesagt, „geschrien wie am Spieß“.

Es kommt tatsächlich vor, dass Neugeborene ungewöhnlich behaart sind. Diese Störung ist jedoch harmlos, zumal die Haare nach kurzer Zeit ausfallen. Aber es ist völlig gleichgültig, ob diese Geschichte ausgedacht oder authentisch ist. Mein erstes Erlebnis in dieser Welt – die Mutter schreit bei meinem Anblick vor Entsetzen.

Der Grundton ist angeschlagen – ein Monstrum ist erschienen.

***

Ein Schriftsteller hat einmal sinngemäß erklärt, dass sich Künstler in zwei Gruppen einteilen ließen. Einmal gäbe es diejenigen, denen es gelungen wäre, sich von allen Fesseln oder jedenfalls behindernden Bindungen ihres Herkommens zu befreien. Sie würden gleichsam täglich neue Welten entdecken und erkunden. Dann wären da die Anderen, die glücklich oder zumindest zufrieden wären, mit fünfzig die Zimmer ihrer Kindheit malen oder beschreiben zu können. Nun weiß ich nicht, ob ich ein Künstler bin, aber ich hatte seit dem Beginn meiner schriftstellerischen Versuche immer die Sehnsucht, zu der ersten Gruppe zu gehören und musste immer wieder einsehen, unfreiwilliges Mitglied der zweiten Gruppe zu sein.

Vielleicht macht es Sinn, die eigene Geschichte zu erzählen als Gruppierung von Darstellungsversuchen scheinbar banaler, aber subjektiv bedeutsamer, weil mit starken Emotionen verbundener Episoden. Wahrscheinlich liegt dieses Ordnungsprinzip vielen autobiografischen Erzählungen zugrunde, ohne dass es vom Erzähler wahrgenommen wird. Möglicherweise kommt es sogar zu jenem Umschlagen angehäufter Quantität in eine neue Qualität, das ich mindestens einmal bereits erlebt habe, beim Erstellen einer großen Website. Es könnte sich um das Umschlagen handeln, das Hegel gemeint hat.

Ich werde Fragmente aneinander reihen. Auch wenn das jetzt zynisch klingt, entspricht dies sogar den Verhaltensmustern moderner Medienkonsumenten. Man bekommt alles in kleinen Häppchen serviert, dazwischen kommt Werbung.

Zudem wird mir bei diesem Versuch auch gefühlsmäßig klar, nicht nur mit dem Kopf, dass auch oder gerade Schreiben mit Bindung und Verbindlichkeit zu tun hat. Ich wollte offenbar immer Texte erstellen, die zu niemandem in Bezug stehen. Unter anderem dieser mangelnde Bezug scheint jedoch die Textproduktion immer wieder zu behindern oder zu verunmöglichen. Das ist nur eines der zahlreichen Paradoxa, von denen mein Leben bestimmt wird.

* Zitat aus „Es war einmal in Amerika“. Sehr wahrscheinlich wurde von sehr wahrscheinlich bei der Firma angebundenen Leuten vermutet, dass ich Einen auf „Noodles“ machen würde. Dies jedoch, bevor ich das Opus magnum von Meister Leone gesehen hatte. Mitnichten aber habe ich das typisch histrionische Verhaltensmuster praktiziert, gewissermaßen Rollen nachzuspielen und etwa „Noodles“ in der Opiumhöhle zu mimen. Die zunehmend zwanghafte Gewohnheit, mich in wüste Wachträume fallend ein bisschen hinzulegen und oft auf den Boden, hatte ich von meinem Vater übernommen.

Zurück zu „Au-Tor, belle trist“