„Vom Start an kann man den Sieger erkennen […] auch den Verlierer…“ *

Meine Mutter hat diese Geschichte meines Startes immer wieder erzählt, und immer eher beiläufig, als handele es sich um etwas Nichtiges oder jedenfalls Nebensächliches.

Das erscheint mir erst heute leicht makaber. Meine Mutter hat in meiner Vorschulzeit immer wieder in einem Ton zwischen Mitleid und Vorwurf behauptet, ich wäre von Kopf bis Fuß behaart zur Welt gekommen und sie hätte bei meinem ersten Anblick, mit ihren Worten gesagt, „geschrien wie am Spieß“.

Es kommt hin und wieder vor, dass Neugeborene ungewöhnlich behaart sind, diese Anomalie ist jedoch harmlos; zudem fallen die Haare nach kurzer Zeit aus. Es ist jedoch völlig gleichgültig, ob diese Geschichte ausgedacht oder authentisch ist. Mit meinem ersten Erlebnis in dieser Welt, ob Dichtung oder Wahrheit, ist ein Grundton angeschlagen – ein Monstrum ist erschienen.

Tragikomisch-wehleidige Selbstdarstellung als Opfer? Das Gegenteil könnte zutreffen; es braucht zudem keiner einschlägigen Vorbildung, um die Bedeutung derartig früher Prägungen zu erkennen.

Menschen, die leider nicht selten zu sein scheinen, denen in dieser und ähnlicher Weise schon früh, vor den Worten und damit umso nachhaltiger, nicht hinreichend oder gar nicht das Gefühl vermittelt wurde, okay zu sein, gern oder überhaupt gesehen zu werden im eigenem Recht, die Berechtigung zur Anwesenheit in der Welt zu haben und ihre Fühler ausstrecken zu dürfen, könnten Gefahr laufen, dieses Defizit zu projizieren bis zum im übertragenen oder gar im wörtlichen Sinn auf Leben einschlagen, das ihnen als lebensunwert wahrzunehmen vorgegeben wird von denen da oben.

* Zitat aus „Es war einmal in Amerika“, einem der Filme, von denen man mir sehr wahrscheinlich unterstellt hat, dass ich sie im Ausleben meiner histrionischen Strukturanteile nachmachen würde; dies jedoch zu einem Zeitpunkt, an dem ich den jeweiligen Film noch gar nicht gesehen hatte und auch nichts über ihn gehört oder gelesen.

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